Deutsches Hepatitis C Forum e.V

Alles oder Nichts
November 2003
Als einer der die 68ger nach dem Motto ” Alles oder Nichts” (All or Nothing war ein Lied von den Small Faces ) mit allem was damals dazugehörte gelebt – durchlebt hat, dem genügte es natürlich nicht nur HIV + zu sein. Wenn schon – Denn schon.Das “Wenn schon” wurde mir 1985 wie ein Knochen hingeworfen. “Sie sind positiv” sagte der Arzt. “Fein sagte ich – ich bin Positiv, dann ist ja alles in Ordnung” und habe beruhigt das Arztzimmer verlassen.
Von dem “Denn schon” habe ich zum ersten Mal im August 1997 gehört. Damals war es erst möglich den HEP C Virus mittels quantitativer PCR zu bestimmen. Vorher gab es nur das Ergebnis Non A – Non B bzw. mittels ELISA wurden festgestellt ob HEP C Antikörper vorhanden waren.

Im Feb 2000 erfuhr ich dann dass ich den Typ 1 a hatte – den aggressiven Typ eben. Da dieses alte Muster “Wenn schon – Denn schon” auf meiner inneren Festplatte weder zu löschen noch zu erasen war und ne Formatierung noch nicht möglich ist – konnte es nicht anders sein. All or Nothing.

Meine Gamma Werte waren während der letzten 15 Jahre zwar leicht angestiegen – jedoch bewegten sie sich wie die HEP C Virenlast noch in einem “normalen – konstanten” und somit akzeptablen Bereich, der zu diesem Zeitpunkt eine Behandlung noch nicht notwendig erscheinen ließ.

Zu Beginn 2003 änderte sich das schlagartig. Die Gamma Werte verdoppelten sich (d.h. auf zwischen 120 – 200) und die HEP C Viruslast lag bei 5 Mio. Mittels Ultraschalluntersuchung stellte sich dann heraus das eine Leberumbildung begonnen hatte und die Milz als Folge davon größer – angeschwollen ist.

Die oftmals geäußerte Meinung das man vor Beginn einer Interferon Behandlung eine Leber Punktion über sich ergehen lassen muss stimmt insofern nicht da man mittels eines speziellen Ultraschallgerätes auch ermitteln kann in welchem Zustand sich die Leber befindet. Zwar sagt diese Untersuchung nichts darüber aus in welchem Zersetzungs- Auflösungszustand sich die Leber befindet, aber bei einer geringen Anzahl von Thrombozyten ist – was das stoppen einer Blutung bei einer Verletzung sehr schwer macht – eine Punktion nicht zu empfehlen. Da die Leber ein schmerzunempfindliches Organ ist merkt man nichts davon wenn man der Leber ein Stück bei einer Punktion entfernt. Die Möglichkeit einer inneren Blutung ist auf Grund einer Punktion durchaus möglich. Dazu kommt, das es generell schwierig ist bei einer geringen Anzahl von Trombozyten eine Blutung zum Stillstand zu bringen.

Mittlerweile gab es Peginterferon alfa 2-a. Es hatte den Vorteil das man es nicht mehr täglich – wie Interferon alfa – sondern nur einmal in der Woche intramuskulär in die Bauchdecke spritzen musste da es die Halbwertszeit verlängerte und die Effektivität verstärkte.

Ich entschied mich im März 2003 für eine Peginterferon und Ribavirin Behandlung habe sie aber nach 3 Monaten abgebrochen. Warum weiß ich heute gar nicht mal mehr. Was mir noch in Erinnerung ist, das AZT im Zusammenhang mit der INF Behandlung dagegen gearbeitet hat. Einige Werte sind derart in den Keller gegangen das alles was ich machte einen völligen Erschöpfungszustand nach sich zog. Einigen meiner Freunde ging es ähnlich. Deshalb wird heute wenn der behandelnde Arzt Ahnung hat und man HIV + ist und AZT Bestandteil einer Kombitherapie ist, AZT vor der INF peg Behandlung z.b. mit Viread ausgetauscht.

Anfang November 2003 habe ich mich erneut auf die INF Behandlung eingelassen. Von Freunden und Bekannten habe ich mitbekommen welche Nebenwirkungen diese Behandlung haben kann. Die meisten hatten während der Dauer ihrer Behandlung grippeähnliche Symptome wie Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Unruhe, Müdigkeit, Depressionen, Schwächegefühl und waren aggressiv bis zum geht nicht mehr. Bei einigen waren die Nebenwirkungen so heftig das sie für die Dauer der Behandlung von Ihrem Arzt krank geschrieben wurden.

Wenn man so was hört hat man erst mal überhaupt keine Lust sich auf solch eine Behandlung einzulassen. Dennoch – ähnlich wie bei den HIV Medikamenten – Nebenwirkungen gibts ne Menge – viele haben verschiedene und einige vertragen die Medis ohne bzw. mit nur geringen Nebenwirkungen die sie in ihrem Alltag nicht nennenswert einschränken.

Ich war mir bewusst was möglich ist, Aber ob und welche Nebenwirkungen tatsächlich eintreten würden . . . das wusste ich nicht. Also sagte ich mir: Vorstellen kann ich mir vieles und meistens ist das der Supergau. Jedoch was – wie es tatsächlich sein wird, das weiß ich nicht. Ich werde mit der Behandlung beginnen und einfach sehen – abwarten was passiert. In diesem State of Mind habe ich mich auf die Interferon Behandlung eingelassen.

Angesetzt waren 48 Wochen – die Standardzeit wenn man den aggressiven HEP C Virus vom Typ 1 hat. Nach 12 Wochen sollte die Behandlung mit Interferon angesprochen haben, die Viruslast sollte dann unter der Nachweisgrenze sein.

Doch getreu meinem Motto ” All or nothin” hatte das bei mir natürlich nicht funktioniert. Ich war schon immer anders – also warum sollte es ausgerechnet hier anders sein.

Es hatte 30 Wochen – 7 1/2 Monaten gedauert bis die Viruslast erstmals nicht mehr nachweisbar war. Bis dahin hatte sich das Medikament mit der Leber auseinandergesetzt – solange hat das INF gebraucht bis es gewirkt hat und vom Körper als Heilmittel angenommen wurde. Jetzt erst konnte sich die volle Heilkraft des Interferon und Ribavirin entfalten. So meine Interpretation.

Zugleich war mir klar – und mein Arzt sah es genauso – das die verbleibenden 18 Wochen was das heilsame Wirken des Interferon im Verhältnis bis zum Stillstand der Vermehrung der Viruslast betrifft zu kurz war. Wir beschlossen gemeinsam die Dauer der Interferon Behandlung auf 60 Wochen – 15 Monate festzusetzen.

Wie ging es mir während dieser Zeit. Gemessen an den Nebenwirkungen die die meisten meiner Freunde und Bekannten hatten – war ich vom Schicksal begünstigt worden.

Was sich während der ganzen Dauer der Behandlung wie ein roter Faden durchzog, war eine permanente Müdigkeit. Ich hatte wenig Lust zu essen und habe in den 15 Monaten während der INF Behandlung einige Kilo abgenommen die ich aber nach Beendigung der INF Behandlung schnell wieder auf den Rippen hatte. Es gab eine Phase von ca. 12 Wochen in der ich leichte Depressionen hatte – zeitweise war ich innerlich sehr unruhig. Auf einer Scala von 1 – 10 war es zwischen einem Wert von 2 – 3 angesiedelt. Grippe ähnliche Schmerzen hatte ich keine. Während der ganzen Dauer der Behandlung habe ich täglich 4 Tabletten Ibuprofen 400 genommen – ein Schmerzmittel das man bei einem grippalen Infekt oftmals wegen der Symptome bekommt. Manche meiner Bekannten haben bis zu 16 Stück am Tag nehmen müssen und litten dennoch an heftigen grippeähnlichen Symptomen.

Im Sommer 2004 ging ich trotz INF Behandlung jeden Tag meine 1000 mtr. schwimmen und fuhr jeden Tag ca. ne halbe Stunde Fahrrad.

Was mir allerdings schwer zu schaffen machte war ” meine Aggressivität”. Ich war von Null auf 100 in Null Komma Nix. Mich brauchte nur einer anzuschauen und ich hätte ihn umbringen können. Fiel mir ein Löffel aus der Hand rastete ich aus und fluchte wie ein Bierkutscher. Egal was es war – selbst n Staubkorn auf m Regal – es gab nichts was mich nicht ausflippen – nicht aggressiv werden ließ. Diese Aggressivität war für mich das schlimmste in dieser Zeit. All meinen Freunden und Bekannten die sich dieser Behandlung unterzogen haben, hatten ebenfalls mit Aggressionen zu kämpfen. Es gab Tage da war es erträglich – und dann gab es Tage da war ich vom Scheixxe brüllen heiser wie nach ner starken Erkältung.

Die letzte Interferon Spritze habe ich mir am 10. Februar 2005 verpaßt. Heute 4 Monate nach Beendigung der Behandlung ist der HEP C Virus nicht mehr nachweisbar. Man sagt wenn der Virus 6 Monate nach Ende der IINF Behandlung nicht mehr nachweisbar ist – ist die Dynamik des HEP C Virus zum Stillstand gekommen. Bei einigen meiner Freunde ist er bis heute – 2 Jahre nach Behandlungsende – nicht mehr aufgetaucht. Bei einigen ist er wieder aktiv geworden.

Wie es bei mir sein wird – keine Ahnung. Die Zeit wird es zeigen. Eines jedoch steht heute schon fest. Die insgesamt 15 Monate dauernde Interferon Behandlung hat meiner Leber gut getan. Sie konnte sich während dieser Zeit erholen – die letzte Ultraschalluntersuchung hat dies auch bestätigt. Zwar bildet sich die Leber nicht mehr in einen “gesunden Zustand” vor der HEP C zurück. Dennoch, ihr Zustand hat sich stabilisiert und die Schwellung der Milz ist wieder zurückgegangen.

Für mich bedeutet es das ich Zeit geschenkt bekommen habe – mehr Zeit als ich jemals geglaubt habe das ich sie noch vor mir haben – er leben / er fahren würde – als man mir 1985 sagte das ich HIV Positiv bin.

Und – wenn ich s nicht vergesse – bin ich dankbar dafür das ich noch lebe – das ich jeden Tag genießen – leben kann so gut wie ich dazu in der Lage bin – bzw. es zulasse.

* * * * * * *

Updates

April 2006

Ich bin immer noch HEP C Viren frei. Mein Arzt meinte unlängst das der Virus endgültig verschwunden – die HEP C ausgeheilt sei. Lebermäßig bedeutet dies das der Leberumbau bedingt durch das lange Wirken des HEP C Virus zum Stillstand gekommen ist.

Der begonnene Leberumbau wird nicht mehr rückgängig gemacht werden können, jedoch der Prozeß der Umbildung ist gestoppt worden. Was jedoch passiert ist, ist das die Leber wieder ihre normale Größe hat. Eine der Nebenwirkungen der erfolgreichen Interferon Peg Behandlung. Als weiterer Nebeneffekt ist die Milz – die durch den Kampf der Leber mit dem HEP C Virus verstärkt gearbeitet hatte und dadurch vergrößert wurde – wieder auf ihre normale Größe zurückgegangen.

Alles in allem kann ich rückblickend sagen das sich die 15 monatige Interferon Peg + Ribavirin Behandlung gelohnt hat.

Heute bin ich 56 Jahre – seit 21 oder 22 Jahren HIV positiv, und seit 15 Monaten Hep C frei. Während der 22 Jahre hat sich mein Blickwinkel bzgl. Krankheit völlig geändert. Egal von welcher Krankheit jemand betroffen ist – Krankheiten sind ein Teil des Lebens. Sie gehören zum Leben dazu wie der Tag zur Nacht – wie die Sonne zum Mond.

August 2008

Bei meiner letzten Routineuntersuchung meinte mein Doc lakonisch: “Die Hep C könnse jetzt entgültig vergessen. Sie ist zum Stillstand gekommen und daran wird sich nichts mehr ändern.”

Februar 2009

HCV VL < 15 i.e. nicht nachweisbar. Meine Gamma Werte bewegen sich zwischen 80 und 100. Dazu der Kommentar meines Arztes:  “Wenn Sie n bischen abnehmen würden, dann wären ihre Gamma Werte im Normalbereich i.e. < 50.”

Und – meine Trombozyten steigen so langsam wieder an. Der Abfall war – ist eine der Begleiterscheinungen der HEP C Infektion gewesen.

Februar 2010

HCV-Viruslast < 15, i.e.  nicht nachweisbar. Meine Gammawerte bewegen sich zwischen 96 und 111. Trombozyten 71000. Alles im „normalen“ Bereich.

Ein paar Tage vor der Routine Blutunterschung s.o. hatte ich eine weitere  Sonographie, Ultraschalluntersuchung – Nachuntersuchung. Meine Leber ist wie auch meine Nieren von normaler Größe. Die Größe meiner Milz bewegt sich in einem “normalen” Bereich 20×5,6 cm (letztes Ergebniss von 2008 war 19×6cm). Die Oberfläche meine Leber ist infolge einer Zirrhose von einer welligen ( inhomogenen – vernarbten) Oberfläche gezeichnet.
Meine Gallenblase ist “zart”, Gallensteine (Konkremente) und Wasser im Bauch (Aszites) ist nicht vorhanden. Soweit gleichen die Ergebnisse denen der vorangegangenen Untersuchungen der letzten Jahre. Soweit die guten Nachrichten.

Was man dieses mal noch festgestellt hat sind “echoreiche Knoten” bis 9 mm im linken Leberlappen. Um genaueres herauszufinden was es damit auf sich hat werde ich bei meiner nächsten HIV Routineuntersuchung den AFP Wert bestimmen lassen und mich wohl oder übel in die Röhre begeben. d.h. eine MRT über mich ergehen lassen um eine HCC – hepatozelluläres Carzinom – umgangssprachlich Leberkrebs auszuschließen bzw Aufschluß darüber zu erhalten was es mit diesen “echoreichen Knoten) auf sich hat.

Copyright © Wolfgang Kirsch

Der Link zum Blog von Wolfgang: KLICK HIER

Aktualisiert ( Mittwoch, den 19. Mai 2010 um 16:24 Uhr )
 

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