Deutsches Hepatitis C Forum e.V

Per aspera ad astra - Der Klettersteig meines Lebens

 

Martina, Lony, Hilde, Georg, Gerhard... und allen anderen, die keine Chance bekommen haben, diesen Weg zu beenden

oder ihn zumindest antreten zu dürfen, ist diese Geschichte gewidmet.

Sie sind die wahren Sieger

Benevole lector

ich möchte Dir jetzt meine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte vom Weg eines verbissenen Kampfes. Wenn ich diese Worte schreibe, bin ich zwar gar nicht sicher, ob dieser Weg bereits beendet ist, ich weiß noch nicht, wie er dann am Ende ausgeht, mein Klettersteig. Aber ich weiß, daß ich bereits gesiegt habe. Und das ist ein wunderschönes Gefühl, welches ich auch Dir von Herzen wünsche. Ich habe gesiegt, obwohl ich noch nicht weiß, ob ich mein Ziel erreicht habe. Ich habe gesiegt, denn jeder, der durch diesen nebeligen Sumpf watet, verdient diese Bezeichnung hundertmal. Letztendlich ist das Gehen das Ziel, das Klettern ist das Ziel und nicht unbedingt der Berggipfel, wer aufgegeben hat, hat bereits verloren. Wer dagegen, den Kampf aufgenommen hat, ist schon ein Sieger. Und das Ergebnis ist lediglich eine Glücksache außerhalb unseres Einflußbereiches.

Und ich möchte Dir auch eine Botschaft vermitteln. Du wirst schon selbst herausfinden welche. Jeder holt sich etwas heraus, etwas, was man braucht, oder wonach einem grade ist, die Motivation, den Mut, vielleicht auch einige praktische Tips, die Hoffnung, die Stärke nicht aufzugeben, den Glauben an sich selbst und an das Schicksal, ein Plädoyer für den Kampf in einer gerechten Sache, für einen Verteidigungskrieg, ein Plädoyer für die Liebe.... Ich möchte Dir den Weg zu den Sternen zeigen und erhellen, einen harten, steinigen aber zugleich einen schönen, weil bereichernden Weg: per aspera ad astra, ich habe sie mir schon geholt. Komm, hol sie Dir auch, hol Dir die Sterne...

Interessiert?

Na dann komm her, nimm Dir eine Tasse Kaffe oder Tee und mach´s Dir bequem, setz Dich bei mir in einen Fauteuil oder auf ein Sofa und nimm Dir Zeit...Ich nehme Dich auf diese Reise durch Umwege des Schicksals mit...

 

Bist Du soweit? Dann hör zu. Es geht los...

 

Ad personam

Ich heiße Pawel. Ich bin vor ziemlich genau 40 Jahren in Warschau geboren. Wir haben es damals in meinem Heimatland nicht leicht gehabt. Die Zeiten waren halt schwer. Bin aber in einer glücklichen Familie aufgewachsen. Meine Eltern, jetzt beide knapp 70, sind bis heute zusammen und es verbindet sie eine starke Beziehung der Liebe seit knapp 50 Jahren. Ich weiß, daß ich mit ihnen immer rechnen kann.

Ich selbst war ein sehr krankes Kind. Die Kindheit habe ich in Spitälern und Sanatorien verbracht. Ich kann mich erinnern, ich war 5 oder 6, es ging mir furchtbar mies, meine Mutter umarmte mich und weinte und ich wußte nicht wirklich, was geschehen wird. Ich habe nur etwas Angst gehabt. Aber die Sache war mir nicht richtig bewußt. Jetzt, wo ich selbst Kinder habe, kann ich es nachvollziehen, daß meine Eltern mit Sicherheit mehr Angst gehabt haben, als ich selbst. Ich wollte nur nicht sterben. Das Leben schien mir so schön. Als es mir besonders schlecht ging, fragte ich meine Mutter, ob ich jetzt sterben muß. Sie antwortete unter Tränen: "nein, mein kleiner Prinz, du stirbst nicht...", Ich verstand aber damals nicht, warum sie dann weinte. Das hat irgendwie nicht zusammen gepaßt. Als es mir etwas besser ging, saß ich im Fenster meines Hauses und schaute, wie meine Kollegen draußen Fußball spielten. Das war die einzige Sportart, die mir damals erlaubt war. Ich hatte sogar ein Foto von mir, Wie ich mit dem Stirn und der Nase den Ball verfolgte – jedoch nicht auf dem Spielplatz, sondern an der Fensterscheibe klebend, denn ich dürfte nur zuschauen...

So ein Ünglücksvogel...

Meine Mutter hatte Recht. Ich bin nicht gestorben. Dann wurde ich gesund... Das war mein erster Sieg.

Es hat geklappt...

Eigentlich war ich kein guter Schüler. Sagen wir eher temperamentvoll. Ja, meine Lehrer sagten immer, Pawel ist ein sehr intelligentes Kind, aber faul, und hat alles andere im Kopf als die Hausaufgaben. Darauf sagte ich immer: lieber bin ich intelligent und faul, als umgekehrt. Und daß ich etwas lebhaft war? Tja, das hat mir auch gut gefallen, vielleicht hollte ich die durch die Krankheit bisher am Fensterbrett verlorene Zeit. Ich bin auch froh, daß auch mein Junior jetzt immer ein Funkeln in den Augen hat. Letztendlich habe ich mich, manchmal mit und manchmal ohne Mühe durch die Schul- und Universitätsjahre geschlagen. Auch im Lernen und Studieren habe ich viel Sinn und viel Vergnügen gefunden. Hab meinen Uniabschluß gemacht...

Tja, es klappte wieder...

Natürlich habe ich auch die erste Liebe hinter mich gebracht, es war noch vor der Matura, sie war schon Studentin, das war eine Faszination.... etwas unglaublich Schönes, dann die Enttäuschung, oh Gott, wie ich damals gelitten habe... Euphorie und Verzweiflung waren schon damals nicht weit von einander entfernt... wollte damals aus dem Fenster springen, aber das ist wohl ein Privileg des Teenageralters. Gott, bin ich froh, daß ich es damals nicht gemacht habe. Der Schicksal hat mich damit belohnt, daß ich dann das beste Mädchen in meinem Jahrgang auf der Uni aufgerissen habe. Es ist schon 19 Jahre her, als wir verheiratet sind. In den heutigen Zeiten ist das schon fast eine Kuriosität, oder? Im Kampf um ein Kind haben wir einige schmerzhaften Niederlagen erleiden müssen. Jetzt ist unsere Wohnung voll von den lauten und fröhlichen Kinderstimmen zweier süßer Zwerglein.

Ob das nicht wieder ein Erfolg war?

Im Jahre 1981, mein Gott, wie lange ist das schon her... gab es in meinem Heimatland schwere politische Unruhen. Ich selbst, damals Student des 3. Semesters, war in die Sachen ziemlich involviert und landete letztendlich als "Anarchistischer Terrorist und Feind des Volkes und des Friedens" im Knast. Damals wusste ich nicht, was mit mir passieren wird, mein Schicksal spielte sich schon auf der Messersschneide ab. Vielleicht würde ich irgendwann die Eisbären in Kamtschatka zählen müssen. Es war uns damals mehr als bewusst, wie nah es von Polen nach Sibirien ist. Es war alles andere als lustig. Heute bin ich darauf irgendwie stolz, daß ich mich damals nicht brechen lassen habe. Habe mich bewährt...

Die große Faszination meines Lebens sind die Berge. Die Berge haben mein Leben und meine Persönlichkeit, zumindest glaube ich das, sehr bereichert, wenn nicht mitgeprägt. Sie haben mir vieles beigebracht. Sie sind nämlich ein guter Lehrer und Erzieher. Nicht nur die Liebe zur Natur und die Fähigkeit sie zu schätzen und zu genießen, sonden vor allem die Liebe zu den Menschen und zu sich selbst. Und vielleicht, was etwas widersprüchlich zu sein scheint, einerseits das Schicksal zu akzeptieren, andererseits aber im Kampf, um das Recht eigenes Schicksal mitgestellten zu dürfen, nie aufzugeben. Habe mir selber das Leben immer wieder zurückerobern müssen. Kampfgeist war auf vielen meinen Bergwegen, mein ständiger Begleiter. Ich habe gelernt auch dann zu kämpfen, wenn die Chancen bis Null schrumpften, verzweifelt verbissen und tierisch, mit einem Kampfgeschrei auf den Lippen und im Herzen.

Ich lebe noch, ich bin wieder dem Schicksal dannkbar...

Ich habe in meinem Leben eigentlich immer kämpfen müssen (oder wollen?). Habe auch immer wieder das Leben neu beginnen müssen (wollen?). Mein Elternhaus habe ich mit 18 verlassen und neu begonnen, dann habe ich auch meine Stadt, und zuletzt mein Heimatland verlassen und immer wieder neu begonnen. Bin immer einer utopischen Idee nachgelaufen. Ich habe immer etwas gewollt, nach etwas gestrebt. Immer im Kampf... um die Gesundheit, um das Leben... um die Gerechtigkeit und die Wahrheit, um die Familie... Liebe... Freude... um die anderen. Und jetzt wieder...

Ich habe unlängst darüber nachgedacht. Stimmt, ich habe immer ringen müssen aber eigentlich habe ich immer gesiegt. Immer. Zwar nicht immer ohne Verluste, aber doch immer gesiegt. Ich habe offensichtlich einen besonderen Schutzengel als Lebens- und Wegbegleiter. Ich habe immer das Glück gehabt, meine Ziele, wie schwierig und unrealistisch sie auch sein mögen, zu erreichen. Habe noch nie so darüber nachgedacht, erst jetzt...

Bin ich nicht ein Glückskind?

Aber warum schreibe ich das alles? Vielleicht verbirgt sich eine Wahrheit oder eine Weisheit dahinter? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, jeder Kampf wird mit einem Sieg belohnt. In welcher Form auch immer. Man wird aber belohnt. Die einzige Voraussetzung ist nur daran zu glauben und alles, wirklich alles dem unterzuordnen, alles in die Waagschale zu werfen, keine Angst zu haben und konsequent, Schritt für Schritt ans Ziel zu gehen. Auch wenn sich herausstellen sollte, daß etwas anderes für uns besser ist, als wir ursprünglich gedacht bzw erwartet hätten.

Man kann sich auch die Sterne holen. Es gibt dahin einen langen, langen und harten Weg... aber die Sterne kann man sich holen. "per aspera ad astra".

 

Questionis

Es war Jahr im 1999. Sommer. Es ging mir schon seit mehreren Monaten, vielleicht seit einem Jahr schlecht. Mit der Zeit war es auch immer schliemmer. Es war mir bewusst, ich war krank. Ich wußte nur nicht, was das war. Ich hatte Gliederschmerzen, Verdauungsprobleme, Bauchschmerzen und es plagte mich eine unendliche Müdigkeit, die ich nur mit größter Mühe zu bewältigen versuchte. Und... ich hatte Angst.

Ich hatte Angst zu erfahren, woran ich erkrankt war. Ich stellte mir natürlich gleich das Schlimmeste vor. Was "das Schlimmste" war, konnte ich aber auch nicht definieren. Krebs vielleicht? Ja, man denkt zuerst immer an Krebs...

Noch mehr Angst hatte ich aber, es nicht zu erfahren. Ich fühlte mich wie in einem stockfinsteren Raum, in dem der Schlag von jeder Seite, jeder Zeit kommen könnte. Ich drehte mich wie ein Blinder herum, und tappte im Dunkeln. Ich wollte aber doch lieber wissen, von welcher Richtung zugeschlagen wird, mit welcher Kraft und - was für mich das wichtigste war - ob ich mich verteitigen konnte, und mit welchen Mitteln. Trotz der Angst wollte ich meinen Feind direkt begegnen und unbedingt in die Augen schauen. Dem Feind in die Augen schauen. Ich wollte mich wehren!

Erst nach einem Jahr der Recherchen fand ich in einem Arztbrief den Befund: HCV positiv, gesicherte Infektion mit Hepatitis C Viren... Bum...!

Was Hepatitis C ist hatte ich keine Ahnung. Das einzige, was mir bewußt war, war, daß es damit eher nicht zum Scherzen ist. Kein Schnupfen, keine Angina, nichts dergleichen... Ich hatte HCV und das trug ich in mir. Nicht nur in meinem Körper. Es war auch immer mehr in meiner Seele präsent und belastete mich auch immer stärker. Eine Krankheit, die im Regelfall tödlich ausläuft??? Im Hinterkopf assoziierte ich HCV mit HIV und das war für mich schon ein sehr klarer Begriff.

Schock, meine Familie hielt sich auf Urlaub auf. Ich war alleine, es gab niemanden in der Nähe, der mich in dem Moment unterstützen könnte.... Saß im Auto. In einer Stunde sollte ich einen wichtigen Geschäftstermin wahrnehmen. Einen wichtigen? Daß ich nicht grade lache!!! Was ist schon wichtig? Plötzlich stand alles am Kopf. Die Wertigkeiten des Lebens...

Die Welt, das Leben begann sich zu drehen. Alles, ausnahmslos alles, die Wertigkeiten mit denen ich bisher lebte, wurden plötzlich in Frage gestellt. Eine Zäsur, ein Lebenseinschnitt, der wie vom heiteren Himmen gefallen war, mit einem Schlag. Mit diesem einen Schlag wurde ich auf die andere Seite des Lebens versetzt. Ich stand da und die Welt irgendwo weit von mir entfernt, und sie schien sich noch weiter zu entfernen. Ich stürzte in den Abgrund.

Habt Ihr manchmal Alpträume? Eine unendliche Weite, finstere Tiefe, man fällt hinunter und ist absolut ratlos, kann nichts tun, um den Sturz abzufangen, man stürtzt also mit einem Verzweiflungsschrei in ein schwarzes Loch und wacht dann zum Glück endlich im eigenen Bett auf. Die Erleichterung ist grenzenlos. Man ist auch dem Schicksal unendlich dankbar, daß es keine Realität war, sondern nur ein Traum. Und man schläft wieder beruhigt mit leichtem Herzen ein.

Nur diesmal konnte ich nicht wieder wach werden. Ich schlug mich seelisch verzweifelt in meiner Ratlosigkeit herum, wie ein im Todeskampf verwundetes Tier und konnte nicht aufwachen, bis ich verstand: ich wache ja gar nicht auf, denn es ist gar kein Traum....

...es ist die realste Realität!

Es drängten sich die Fragen. Wie geht es weiter? Ist es schon das Ende oder habe ich vielleicht doch eine Chance? Wie soll ich das Problem angehen?

Vor allem, das Problem, das mich am schwersten belastete war: ich habe ja eine Familie, die mich braucht. Was bedeutet meine Krankheit für sie und für unser Familienleben? Muß meine Familie mich verlieren? Muß ich meine Familie aufgeben? Ich gebe zu, als ich meinen Kindern zuschaute, wie sie sorgenfrei, fröhlich und natürlich nicht um das Problem wissend miteinander spielten und versuchten, mich ins Spiel miteinzubeziehen, kamen mir immer die Tränen.

Welche Zukunftsperspektiven kann ich ihnen bieten? Ich, ein kranker Vater, der unendlich viel Kraft und Überwindung aufbringen muß, in der Früh vom Bett aufzustehen. Und vor allem, was ist mit der Ansteckungsgefahr? Vielleicht ist schon die ganze Familie von mir angesteckt. Wie lange schon verteile ich die Umarmung des Todes? Ich spürte, dieser Gedanke machte mich allmählich verrückt.

Ich konnte es nicht ertragen... Wie soll ich mich jetzt meiner Familie gegenüber verhalten, wie kann ich sie vor der Ansteckung beschützen? Darf ich sie nicht mehr in die Arme schließen? Oder soll ich sogar ausziehen? Ich habe sofort bei allen Antikörpertests veranlasst, die dann negativ verlaufen sind. Erleichterung... wie dankte ich Gott... Wie glücklich kann man manchmal im tiefsten Ünglück sein. Relativität der Dinge, was?

Es drängten sich auch Fragen gesellschaftlich-sozialer Natur auf. Als ein "Leprakranker" mußte man sich doch auch irgendwie entsprechend einrichten und mit dem Umfeld, in dem man sich bewegt, arrangieren. Dabei baut man ja selbst die Ausgrenzungsmechanismen, man ist innerlich gezeichnet, man sieht sicht selbst nicht mehr als einen Teil der bisher vertrauten Umgebung. Plötzlich ist man außerhalb. Automatisch teilt man die wahrgenommene Realität in HCV-krank und gesund, man sieht nur noch sich selbst und den Rest der Welt. Und das führt zu einer grenzenlosen Einsamkeit.

In diesem Zusammenhang stellt man sich dann auch die Frage, wie weit und in welchen Kreisen man sich outen sollte? Was wird welche Folgen haben? Wie weit sollte ich sowohl meine private, wie auch die Geschäftsumgebung von mir selbst schützen? Und wie wird meine Umgebung reagieren, wenn ich in meinen Schutzmaßnahmen unnötig zu weit gehe? Sagen - nicht sagen? Muß ich? Soll ich? Kann ich? Und was passiert dann?

Ich habe mir beruflich einen guten Status erarbeitet. Meine Arbeit brachte mir immer einige Vorteile, und zwar in vielerlei Hinsicht. Eine Position, die zugleich eine beruflich anspruchsvolle Erfüllung bietet, ist mit hocher Verantwortung aber auch mit einer interessanten, vielfältigen Tätigkeit verbunden, die auch finanziell eine gute Sicherheit bietet. Ich bin im Management eines Weltkonzerns tätig als Head of Business Development. Es ist also kein Familienbetrieb, wo man vielleicht doch manchmal eine gewisse menschliche Rücksicht auf die menschliche Schwäche zeigen kann. Schwächen werden hier nur als Schwächen gesehen und sind als solche nicht gefragt, denn sie tragen eher wenig Positives zum Unternehmensergebnis, das sich ja in Profitzahlen ausdrückt, bei. Erfolg ist ein Pflicht... Es zählen die Ergebnisse gemessen in Zahlen, Profit und der monatliche Report zur Konzernmutter. Pannen kann man sich da nicht leisten...
Eine Schwäche paßt eher nicht ganz in diese Landschaft. Und krank heißt ja schwach...nicht leistungsfähig, nicht mehr 150%, vielleicht dann nur 100% und das wäre doch viel zu wenig...

Es wurde mir also bewusst, daß mir auch ein Kampf um das berufliche Überleben und die materielle Existenz meiner Familie bevorsteht. Bin ja ein Alleinverdiener.. das belastete mich auchzusätzlich.

Ich entschloß mich, den Umstand meiner Krankheit, so weit wie es ging, für mich zu behalten. Ich wußte zu dem Zeitpunkt auch nicht, wie schwierig es während der IFN-Behandlung werden würde...

Ich entschloß mich auch, neben meiner Frau, meinen Eltern und 2-3 engsten Freunden mein Problem anzuvertrauen.

Ich war auch nicht der Meinung, daß ich meine kleinen Kinder in die Sache einweihen sollte. Ich konnte nicht erwarten, daß sie in der Lage waren, die Situation richtig einzuschätzen, und somit wäre es für sie nur eine unnötige Belastung.

Die Fragen drängten sich...

Fragen... Fragen... Fragen...

Ich stehe also vor einem riesigen überhängenden Massiv, das mich von oben herab mit seiner Majestät bedroht, es scheint mich erdrücken zu wollen und zu sagen: "wagst du dich an mich heran? Traust du dich wirklich?" Die herandrängenden Felsen sind wahrlich gewaltig, beeindruckend. Wer hat diesen Weg schon hinter sich gebracht? Und mit welchem Erfolg? Ist es überhaupt möglich? Ist dieser Berg überhaupt bezwingbar? Und wie hoch wird der Preis sein, der in diesem Kampf vor mir verlangt wird?

Aber gibt es einen anderen Weg?

 

Alea iacta est...

Es war für mich auch das Bewußtsein unerträglich, daß irgendein eckliges Ding in mir eingenistet, sitzt und mich, meinen Körper und auch meine Seele, regelrecht auffrißt. Ein Fremder. Ein Feind in mir, der im Begrif ist, mich zu zerstören, mein Leben und alles, was mir wichtig oder lieb war, in Frage zu stellen. Ein Alien... Ein Aggressor...

Ich kann versuchen, die Sache zu verdrängen, aber eine Vogelstraußpolitik bringt hier eher nichts. Ich muß mich wehren. Jetzt, sofort. Ich muß schauen welche Kräfte mir zur Verfügung stehen, sie sammeln, und schauen, wie ich sie strategisch einsetzen kann. Leicht gesagt, aber wie?

Langsam, langsam... Zuerst muß ich mich beruhigen... auch leicht gesagt. Die Gedanken sausen herum, wie freigesetzte Elektronen. Schnell, unkontrolliert und unaufhaltsam. Verrückt. Diese Elektronen muß man ordnen, langsam, langsam...

Vor allem Infos beschaffen! Wo stehe ich? Welche Richtung sollte man einschlagen? Ich brauchte irgentwelche Ansatz- und Orientierungspunkte, einen Wegweiser. Wie die Abwehr gestalten? Ich deckte mich mit Infos ein, versuchte die Angst einzudämmen. Angst lähmt die klaren Denkprozesse. Keine Angst, sonst kannst du nicht denken!!

Alles klingt ziemlich verwirrend, die Genotypen, und ihre Aggressivitätsgrade, die Transaminasen GOT, GPT, GTX, GMX, ABC... Was weiß ich noch was? Wer kennt sich schon damit aus? Inzwischen machte ich einen guten Arzt ausfindig und vereinbarte mit ihm einen Termin. Die Sprechstunde hat einiges gebracht. Und zwar eine relative Klarheit der Lage und einen Aktionsplan:

Habe ich Heilungschancen? Ja, die sind nicht berauschend hoch, aber doch vorhanden. Habe ich sie? Ja, die Chancen schon, die Erfolgsgarantie, nicht! OK, das reicht mir, einer Therapie zuzustimmen. Gott sei Dank, gibt es überhaupt eine Therapie, die Hoffnung haben läßt.

Ich bin froh, es gibt ja so viele Krankheiten, wo diese Chance nicht mehr gegeben ist. Du kannst das Schicksal nur akzeptieren... oder aber nicht akzeptieren, dies ist aber eh schon

egal, davon hängt nämlich gar nichts ab. Gefahren, oder Nebenwirkungen? Ja, die gibt es auch. Aber was soll´s. Gibt es was besseres? Naja, ich könnte auf die Therapie verzichten und bis zum Ende meiner Tage unter Schwäche-Total und unter Schmerzen wie bisher leiden. Nein, nein, ich werde das Therapierisiko doch eingehen, es kann nichts Schlimmeres passieren, als es eh bereits war. Ich nehm´s in Kauf.. Ich würde mir eine Hand abschlagen lassen, wenn das die einzige Chance gewesen wäre, vielleicht wieder virenfrei zu werden.

Also eine Interferontherapie in Verbindung mit irgendeinem Riba... Ribairgendwas. InronA 5 Mio. 3 X Wo. Und Rebetol 1200 mg/Tag, ein Jahr lang, Okay.

"Wann möchten Sie beginnen?" fragte der Arzt.

"Sofort!" war die Antwort.

"Gut, kommen Sie dann in die Klinik am kommenden Montag"

"Also gut, die Ärmel aufkrempeln, let´s go!"

Vor jedem solchen Projekt ist es natürlich notwendig, sich vielseitig zu informieren.

Ich beginne, die Felswand zu studieren. Wie hoch ist der Schwierigkeitsgrad denn wirklich? Wie ist überhaupt die Geschichte dieser Wand? Welche Mittel und Ausrüstung braucht man und wie sollte das Team ausschauen? Man muß doch auch den Angrifsverlauf durchdenken, ihn geistig zuerst durchmachen, Schritt für Schritt, Griff für Griff. Die optimalen Angriffsverhältnisse müssen rechechiert werden. Die Vorbereitung. Viel Zeit gibt es aber nicht wirklich. Man kann nicht ewig hier herumstehen und die Felsen anstarren. Man muß da rauf! Ob das Wetter paßt? Was weiß ich? Ist auch egal... Ich sammle Ausrüstung, muntere mich selbst auf, studiere Beschreibungen von Berufsführern und von Kletterern, die diesen Felsenabhängen bereits einen erbitterten Kampf geliefert haben.

Inzwischen laß ich mich auch über die Therapie informieren. Naja, was ich da gelesen habe, war nicht gerade ermutigend. Ein Hammer, ein Erdbeben, ein Kampf der Gladiatoren... Stehe ich es durch? Ich frage mich nach Erfolgschancen und nach Sinn des Kampfes. Aber gibt es eine andere Option oder Alternative? ...Tja, na eben...

Im Gegenteil, ich riß mich drum, endlich anzufangen. Schnell, schnell an die Front! Es sind nicht mal 2 Wochen zwischen dem positiven Befund und der ersten Spritze vergangen.

Letztendlich schmeiße ich den Rücksack auf die Rücken. Binde mich ans Seil... Ich berühre vorsichtig und respektvoll den dunkelgrauen, teilweise silbernen und teilweise schwarzen Felsen... ist kalt und feucht, an einigen Stellen naß. Glatt und Abstoßend... Die Landschaft ist kahl und unfreundlich, bedrohend und düster, keine Vögel in Sichtweite, nur der Wind pfeift zwischen den Steinen und peitscht mein Gesicht mit den kalten Tropfen...Alles scheint überhängend und unzugänglich zu sein, vom ersten Schritt an...

Ja, die erste Spritze. Ein Erlebnis schlechthin. Ein Wendepunkt, könnte man sgen. Ich sollte sie mir schon voll selbständig verpassen. Das war wahrlich eine echte Mut- und Bewährungsprobe. Zumindest für mich, ich hatte nämlich noch nie eine Spritze in der Hand gehabt.

Alles klar, zuerst auspacken, die Nadel aufsetzen, die Flüßigkeit einziehen, dann mit dem Pulver mischen, leicht umrühren, wieder einziehen, die Spritzstelle desinfizieren... alles kein Problem... und dann, ja, eben ... und dann... Dann sitz ich mit der Spritze in der Hand am Rande des Spitalbettes und... wars das? Denkste, nur so zu machen als ob, ist zu wenig, denn das Ding muß ja tatsächlich noch hinein., tja, aber wie?

Ich sitze also, schließe die Augen, beiße die Zähne zu und in regelmäßigen einminütigen Abständen mache ich eine scheinbar entscheidende und energische Handbewegung mit der Spritze in Richtung der für die Injektion vorgesehenen Stelle. Die Nadel hielt aber immer mit verblüffender Präzission 1,5 mm vor der Haut an. Man konnte beinahe das Quitschen der Bremsen laut hören. Dann machte ich die Augen auf und stellte immer wieder fest: wieder nix! Und so mehr oder weniger 50 mal, also eine gute Stunde. Als das Ding endlich drinnen war, war ich unheimlich stolz auf mich, ich legte mich hin und wartete auf ein Erdbeben. Das Erdbeben kam nicht und ich, müde nach dem Spitalstag, schlief ein. Ich war glücklich, daß ich den Kampf aufgenommen hatte, daß ich bereits auf der Front war. Es war genau der 23. August 1999. Das war der erste Schritt auf meinem, langen Wege.

Ich überquerte den Rubikon, die Würfel sind gefallen...

Der erste Schritt...Ich schaue lang die Stelle an, wo ich den ersten Schritt setzen soll, wo ich die ersten Griffe habe, ich spiele die erste Phase gedanklich durch, ich versuche mich zu konzentrieren... sage kein einziges Wort, mache keine unnötige Geste und bin bis zum Äußersten innerlich angespannt. Ich weiß, wenn ich den Schritt mache, dann bin ich schon drinnen und es gibt dann keine Zeit mehr für Überlegungen, dann das einzige, was man tun kann, ist nur den Überlebenskampf durchzustehen. Es gibt kein Zurück mehr...

Ich hebe mich endlich hoch vom Boden... jetzt bin ich nur noch mit dem Granit zusammen und nur noch Granit habe ich unter den Händen und unter den Füßen... Jetzt geht´s erst richtig los...

Es regnet und es ist durchdringend kalt...

Und so ging es mir in den daraufolgenden Monaten. Der Familien und Geschäftsstreß lenkte mich auch von den blöden Gedanken immer wieder ab. Meine Arbeit war mir dabei wirklich eine wesentliche Hilfe. Ich versuchte auch meine Arbeit so zu sehen, daß es gewissermaßen eine therapieunterstützende Maßnahme war. Ich versuchte mich, auf die Krankheit und die Therapie nicht zu konzentrieren, die Zukunftsängste und -sorgen, die schwarzen Vögel verschiedener Art, die Schmerzen, von den Alltagsproblemen überwuchern zu lassen. Es gelang mir mit schwankendem Erfolg. Trotz der Mühe und Überwindung, die ich aufbringen musste, um jeden Tag aus Bett herauszukriechen, mich ins Büro zu schleichen oder einen Flieger zu erwischen und irgendwelche Meetings abzuhalten, versuchte ich einen klaren Kopf zu bewahren und meine Arbeit zumindest korrekt zu erledigen und konnte mir kaum vorstellen, zu Hause zu bleiben und mich mit den Gedanken, die mich überall und in jeder Situation zu erwischen versuchten, auseinanderzusetzen. Ich wäre verrückt geworden, die schwarzen Raben hätten mich zu Tode gepickt...

So oft saß ich in einem Meeting irgendwo in Wien, London, Lissabon, Barcelona oder Kopenhagen und rang mit dem Schmerz, der mich überwältigte, mit der grenzenlosen Schwäche des Körpers, so oft war ich am Rande des physischen und/oder des seelischen Zusammenbruchs, so oft mußte ich mich mit den letzten verfügbaren Kräften zusammenreißen, um mir zu sagen: "halte durch, halte nur durch.... das geht vorbei, noch ein paar Minuten, nur noch einen Schritt..." und dann wieder "noch ein paar Minuten".

In solchen Augenblicken kehrte ich immer in mich ein, versuchte ich die Ruhe zu bewahren, die herumsausende Gefühle und Gedanken zu ordnen und wiederholte mir einen Satz, wieder und wieder, bis ich keine Zweifel daran mehr hatte: "Ich bin stark genug, ich bin stark genug, ich bin stärker, ich halte es durch!" So oft mußte ich dabei noch Höflichkeitssätze austauschen, freunlich lächelnd die Hände schütteln, gscheit reden, meist schwierige Verhandlungen führen und Entscheidungen treffen und zwar so, daß es niemandem auffiel, daß mit mir etwas nicht stimmte. Es war ein hartes Brot.

Ich schlage mich in die Höhe, immer höher und höher. Den Boden unter den Bergfüßen habe ich bereits aus den Augen verloren. Was ich nur sehen kann ist eine unendliche, bodenlose Weite nach unten. Meine Sichtweite ist auch immer geringer, da ich immer stärker von einem Nebel umarmrt werde, der mich von allen Seiten dicht umzingelt. Es ist ein grauer Schleier, der zwar durchsichtig zu sein scheint, in Wirklichkeit ist er es aber nicht mehr... Er ist immer dichter und auch immer schwerer. Es ist auch immer schwerer, ihn zu ertragen. Man könnte glauben, der Nebel dringt auch in meinen Körper ein... in meine Augen und meinen Mund... durch die Ohren frißt er sich in mein Gehirn. Ich verwandle mich langsam selbst in den Nebel.... Das einzige, was mich nach oben treibt, ist der Wille, noch einen Schritt zu machen und noch einen, und noch einen Griff zu finden, damit man nicht abstürzt. Ein Wille, den ich mit der größten Mühe aus den tiefsten Tiefen meines Herzens herusholen muß. Ich weiß, ich muß rauf, es ist der einzig mögliche Weg hier rauszukommen, nur über den Gipfel.

Die Nebenwirkungen der Therapie wurden mit der Zeit auch schlimmer... Die Auflistung wäre überflüßig, man kann ja darüber im Beipackzettel von Interferon oder Rebetol ganz genau lesen. Ich habe so ziemlich alle haben dürfen. Doch der seelische Schmerz, dem ich ausgesetzt wurde, war mir in meinem bisherigen Leben unbekannt und überraschte mich. Dafür war ich nicht gewappnet. Grippeähnliche Effekte? Ja, aber das? Ich fühlte mich, wie in einem dicken Sumpf, in dem ich bis zum Hals stecke und vorwärds waten muß. Ich sinke immer tiefer ab und kann kein Ufer in Sichtweite sehen. Die Sichtweite ist übrigens auch null, denn es hat sich oberhalb des Sumpfes ein genau so dicker Nebel breit gemacht. Keine Orientierung mehr. Ich muß weiter aber wohin soll ich? Rechts? Links? Vorwärds? Zurück? Ja, aber was ist rechts? Was ist links? Was ist vorwärds? Alles ist gleich. Zurück gibt es so wie so nicht.... Ein verdammter Nebelsumpf in der Dunkelheit.

Ich hänge unter einem Überhang. Es wird finster. Es ist ein Tanz auf Seilen in der Luft. Ich schwebe, schwinge, wie auf einem Schaukelstuhl. Ich kann einen Tropfen beobachten, der sich an der Kante des Felsenvorsprungs sammelt und quillt, bis er sich abtrennt und fällt. Und ich erstaunt sehen kann, daß der Tropfen gar nicht runter fällt, sondern schräg an die Seite... Ich mußte feststellen, daß ich nicht mehr weiß, wie das Lot verläuft. Ich habe bereits die Fähigkeit verloren die Richtungen zu erkennen. Ich hoffe nur, daß ich wirklich nach oben klettere..

Die Nacht schließt mich in die Arme... Eine einsame, dunkle, nebelige, kalte Nacht. Man könnte den Eindrück haben, sie wird nie zu Ende sein... Eine lange, lange Nacht...

Anfang Dezember - der erste Lichtstrahl. Der Nebel lockert sich ein wenig. Ein goldener Sonnenstrahl schlägt sich durch? Die ersten Befunde auf dem Sumpfirrweg. Die Leberwerte fast im Normbereich. PCR HCV negativ! Ein neues Gefühl. Ein neuer Orientierungspunkt, Hoffnung. Das Licht.

Freude, die an Euphorie grenzt. Der Weg scheint nicht mehr so steil zu sein, man gewinnt die Sicht, findet wieder den Sinn des Gehens und das Ziel scheint zum ersten Mal nicht nur realistisch, sondern auch in Reichweite zu sein. Ein Motivationsschub den man nicht überschätzen kann. Man findet wieder Kraft und Mut die weiteren Schritte zu machen. Und man macht sie wieder gern.

Das verleiht wieder die Flügel, der erste Sieg!

Das Morgenrot am Horizont. So was schönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Es kam schnell und bezauberte mich mit seiner Farbenpracht und Lichtstärke. Erfüllte mein Herz mit neuer Kraft und neuem Mut. Die Sonne... die Hoffnung!...

Es gingen wieder weitere Monate vorbei. Ich rang weiter mit der Krankheit und mit meinen Schwächen. Drei mal in der Woche setzte ich neue Schritte auf meinem Wege. Geduldig und konsequent, langsam, mühsam aber mit Hoffnung und Glaube an den Erfolg.

Wer hätte ahnen können, daß ich kurz vor einer Kehrtwendung auf meiner Wanderung stand, die mich unerwartet mit einem neuen Problem konfrontierte und vor einer neuen Entscheidung stellte?

April 2000: Routinetest. Ich öffne doch ziemlich sorglos das Kuvert mit dem letzten Befund.

Ich war ja die letzten Monate negativ. Da steht: "PCR HCV positiv"! Ich machte die Augen wieder zu. Oh lieber Gott, sagte ich, ich träume nur, oder? Mach zumindest jetzt, daß ich träume!!!
Leider träumte ich wieder nicht. Ich bin wieder positiv! Die Welt bricht wieder zusammen.

Die Stelle war gar nicht stark überhängend oder besonders schwierig, an der meine Füße unerwartet ausrutschten. Die Hände hielten die plötzliche Belastung nicht aus. Es ging alles blitzschnell, so daß ich diesen Augenblick kaum wahrnahm, bevor ich in die Tiefe stürzte... Es schien mir, ich falle endlos hinunter, in ein bodenloses finsteres Loch. Während des Fluges war ich unendlich traurig. War die Qual des bisherigen Weges also umsonst? Ist die Wand also für mich doch unbezwingbar? Die Sterne schienen für mich doch unerreichbar zu sein. Ich sah, wie alle Haken und Würfel, die ich zur Sicherung in die Felsrissen geschlagen oder gesetzt hatte, und an die ich geglaubt hatte, jetzt nacheinander herausfliegen. Wird noch ein einziger halten? Das Seil tanzte in der Luft über mich und flatterte wie eine Fahne auf dem Wind. Es war mehr eine tiefe Enttäuschung als eine Verzweiflung. Es war eine Niederlage. Der Aufprall war schmerzhaft..


Nach sieben Monaten Qual, Kampf und Hoffnung bin ich positiv. Was heißt das? War alles umsonst?
Der Schlag war um so härter, als er völlig unerwartet kam. Es ist so schwer, in dieser Situation weiterhin das Optimismus zu bewahren, die Welt positiv zu sehen. Das wären schon die höchsten Künste. Rein menschlich empfinde ich es als eine ungeheure Ungerechtigkeit, die nicht wahr sein darf. Für 7 Monate Tortur muß es doch eine Belohnung geben! Ich war noch naiv genug zu glauben, daß 7 Monate Behandlung lang sind. Ich war naiv genug um zu glauben, daß 7 Monate Therapie eine lange Zeit ist. Zu dem Zeitpunkt wußte ich noch gar nicht, daß es nicht einmal als die Hälfte meiner gesamten Therapiedauer ausmachen sollte.

In mir kochten Emotionen. Verzweiflung, Verbitterung, Trauer, Resignation, Wut, das Gefühl ungerecht behandelt zu werden, tiefste Enttäuschung. Unter den Gefühlen, die mich damals begleiteten gab es allerdings keine Hoffnung. Mein Doc machte mir auch keine Illusionen. Die Chancen in der Runde wieder gesund zu werden, schrumpften bis auf das Minimum. Seine Empfehlung: Abbruch, Erholungspause, Abwarten bis PEG IFN in Österreich zugelassen wird. Die seelischen und die physischen Wunden zu lecken. Einige Monate, vielleicht 7-9 Monate und dann wieder mit einem neuen lauten Kampfschrei und neu geformten Kräften von vorne anfangen, neu zuschlagen.

 

Dum spiro, spero

Ich wollte aber das Feld jetzt nicht kampflos räumen. Diesen bisherigen Kampf, in dem man bereits so viel opfern mußte, für nichtig zu erklären, war für mich menschlich nicht akzeptabel und somit nicht machbar. Mein Doc sagte, prinzipiell wäre er für den Abbruch. Das wäre die einzig richtige Entscheidung, die auf rationellen Grundlagen basiert. Alles andere wäre rein emotionell, somit vom medizinischen Gesichtspunkt aus weniger sinnvoll. Die Fortsetzung der jetzigen Therapie verspreche kaum mehr Erfolg. Die Chancen, daß ich im Zuge dieser Behandlung wieder negativ würde, bestand zwar immer noch, waren aber deutlich geringer als zuvor. Ob das vernünftig war, sich masochistisch weiter zu quälen und dabei eine sehr schmale Perspektive zu haben? Mag sein. Niemand wußte das...


Selbst wenn ich es schaffte, am Ende der Behandlung "virenfrei" zu sein, war der während der Therapie erlittene Rückfall ein klares Indiz dafür, daß ich mit dem jetzigen Verfahren eher wenig Aussichten auf einen constanten Erfolg, d.h. auf das dauerhafte Ansprechen, hatte. Also wäre nach dem Therapieende wieder ein Rückfall zu befürchten. Um so mehr ist es wahrscheinlich, daß ich den Genotyp 1b habe, der zu den aggressiven, und resistentanten gegen die Behandlung, gehört. Also habe ich mit einem besonders harnäckigen und beharrlichen feind zu tun.


Die zweite Option wäre, die Zähne zuzubeißen und weiterzumachen. Zu versuchen eher wenig über die Erfolgschancen nachzudenken, sich keine Illusionen machen.. Ende Mai zur Kontrolle: wenn negativ - geht es weiter, wenn positiv - sofort und endgültig diese Runde beenden. Sich erholen, neue Kräfte sammeln, abwarten, bis das neue Medizin bereits vorhanden ist, eine neue Waffe. Ein paar Monate, vielleicht ein Jahr, oder auch länger, und dann erst zu einem erneuten Angriff gehen. Chancen? Siehe oben.
Die Chance bestand doch, auch wenn gering, sollte man sie nutzen. Man soll prinzipiell jede Chance nutzen.


Mein Doc neigt jedoch zur Variante 1. Ist rationeller, strategisch klüger, er gibt mir aber carte blanche, was die Entscheidung bezüglich der weiteren Vorgangsweise anbelangt. Er wird auch jede Entscheidung von mir akzeptieren und beim weiteren Verfahren unterstützen.

Obwohl seine Denkweise für mich vollkommen nachvollziehbar war, mein Herz, wie es so manchmal der Fall ist, war damit nicht einverstanden. Also ein Kampf bis zur letzen Blutstropfen? Hoffnungsloses, heroisches, selbstvernichtendes, dummes Ringen? Aber gibt es wirklich keine Chance mehr?

Nein, das positivistisches Rationalismus ist nicht meines und man darf die Chancen nie wegdenken, man darf die Hoffnung nie aufgeben, auch wenn man bereits auf dem Boden flach liegt, kann man immer noch dem Drachen ins Maul spucken. Mein Pflicht ist weiter kämpfen.

Meine Entscheidung: die weiße Fahne stecke ich ein und übergebe mich nicht. Ich wehre mich weiter.

Als ich die Augen öffnete, war es wieder finster und es regnete. Es gab weder die Sonne, noch die Sterne. Ich hing auf meinem Sicherungsseil und schwang in der Luft, bewegt durch den eisigen Wind. Das erste, was ich feststellen konnte, war, daß ich am Leben bin. Es war wieder ein dichter Nebel um mich herum, der in jede Zelle meines Körpers eindrang, so daß mir der ganze Körper weh tat. Ich war verwundet.

Irgendein Haken hat doch gehalten... Vielleicht der letzte? Irgendein Schutzengel hat seine rettende Hand beigelegt. Trotzdem war es mir bewußt, daß meine Lage schlimm ist, eigentlich hoffnungslos.

Ich krabbelte auf eine Felsenbank, schaute runter: ein unendlicher Abgrund... ich schaute rauf: eine unendliche Höhe. Als ob ich in einem endlosen kosmischen Weltraum hängen geblieben wäre. Hier kann ich nicht sitzen bleiben, sonst muß ich sterben. In Einsamkeit, Kälte und Angst. Meine Entscheidung: ich klettere weiter. Solange ich noch Kräfte habe. Es geht jetzt um mein Leben, ich muß es retten!


Ich reagierte, wie so oft in meinem Leben, emotionell. Ich entschloß mich weiter zu machen.

Fassungslos stecke ich im tiefen Schock. Das ist so etwas wie ein Traum, ein Film, keine Realität... Ich wußte gar nicht, ob das einen Sinn gibt. Die Zeit wird das zeigen. Versuchte wieder vernünftig (so weit es möglich ist) Gedanken zu sammeln, zu sortieren, mir irgend ein neues Szenario zu basteln, ein neues Drehbuch zu dem Film zu schreiben. Aber wie gesagt, ich erwarte keine Wunder, die kurzfristigen Aussichten sind eher düster. Die Runde ist noch nicht zu Ende, ich bin zwar am Boden, hab einen mächtigen Schlag kassiert, gebe mich aber noch nicht geschlagen...

Ich mache also weiter. Was soll´s, ich habe wenig zu verlieren. Habe 7 Monate Quälerei durchgestanden, es kommt also nicht auf paar Wochen an. Oder? Verbissen, verzweifelt, mit wenig Hoffnung, körperlich kaputt, dürr und dehydriert, psychisch völlig fertig, umkreist zwar von Menschen, aber in meinem Kampf total einsam, ging ich also den zuvor definierten Weg weiter. Und jetzt weiß ich, das Gehen ließ mich den weiteren Weg durchstehen.

Wenn ich so in der Wand hänge und in der dichten Finsternis der Nacht hinunter in das Tal blicke, kann ich an seinem Ende eine Siedlung sehen, die Lichte der Häuser und der Autos. Dort gibt es Menschen...

Menschen mit ihrem normalen Alltag und den Alltagsproblemen, Menschen, die schlafen, essen, in die Schule und in die Arbeit gehen, Menschen, die lieben, Menschen mit ihren Träumen und Ambitionen. Es gibt dort ganz normale Menschen und ein ganz normales Leben. Und es ist so nah... und so unendlich weit zugleich. Ich kann die Siedlung und die Menschen sehen, sie sind fast in Reichweite, gleichzeitig sind sie aber so weit, als ob sie in einer anderen Welt gewesen wären und ich in einer anderen. Uns trennen die Dimensionen. Das ist eine bittere Einsamkeit.

Wie unerforschlich die Wege des Schicksals sein mögen...

Nach einem Monat, im Mai bekomme ich den nächsten Befund. Ich versuchte die Emotionen einzudämmen bevor ich das Kuvert öffnete. Ich erwarte kein Wunder... Nun die Wunder gibt es offensichtlich und ich habe das Privileg eines zu erleben.

Die Welt bekommt plötzlich neue Farben und man erkennt es wieder: das Leben ist schön... manchmal muß man darum fighten, einiges schlucken, nicht nur Pillen. Auch den körperlichen und seelischen Schmerz. Aber es lohnt sich auch tausendfach. Das Gefühl ist überwältigend, man könnte tanzen auf der Straße, die vorbeigehenden Menschen umarmen und küssen. Auch den Parksheriff, der mir gerade für Falschparken eine entsprechende "Bestätigung" ausstellt. Also aus Küssen wurde nichts, aber zu seinem Staunen begrüße ich ihn freundlich, nehme den Zettel entgegen und nachdem ich seine Hand geschüttelt habe, lasse ich ihn mit offenem Mund stehen und fahre weg. An einem solchen Tag liebt man die ganze Welt, auch die bösen Wiener Parksheriffs. Ich bin wieder PCR-negativ.

Dabei sieht man auch, wie sich alles im Leben schnell und unerwartet relativieren und einen neuen Wert gewinnen kann, Verzweiflung und Glückseuphorie liegen so oft, so nah an einander und die menschlichen Schicksale werden, wie auf einem Schaukelstuhl, mal dahin, mal dorthin geworfen. Ist es nicht so? Ja, mein Leben ist in der letzten Zeit etwas zu abwechslungsreich für mich.

Das Morgenrot kam diesmal noch unerwarteter, als das letzte Mal. Eigentlich fiel es mir schwer, überhaupt noch an die Sonne zu glauben, die vor meinen staunenden Augen aufgeht. Und diesmal waren die Sonnenstrahlen auch viel schöner und stärker in ihrer Intensität, als jemals zuvor. Der Blick hinunter in das Tal war atemberaubend wunderschön. Und in dem Augenblick wurde mir auch bewußt, daß mein, so spontan aufgenommener weiterer Kampf doch einen tiefen Sinn haben kann, daß es sich doch noch lohnt, alleine der wunderschöne Morgen war es wert hier her zu kommen und ihn zu erleben. Es hat sich gelohnt zu überleben um bis hier her kommen zu dürfen. Ich war meinem Los für diese Gabe dankbar.

In der ganzen Freude gibt es auch leider eine Wermutstropfen: Das Urteil ist verlängert. Das Ringen mit dem großen Drachen muß sicherlich länger als ein Jahr dauern. Wenn nichts Schlimmes passiert - noch 6 weitere lange Monate. Ob ich noch körperlich und mental in der Lage bin, das durchzustehen? Das frage ich mich auch... Wenn ich mir nur denke: 6 Monate bedeutet ja... bis Feber 2001, das kotzt mich jetzt schon an.

Inzwischen, wurde im Sommer 2000, in Österreich, das schon lang ersehnte Pegyliertes Interferon zugelassen und nach einem Jahr IntronA bin ich auf das neue Mittel, jeweils natürlich kombiniert mit Ribavirin, umgestiegen. Ich habe also ein neues Fahrzeug in die Hand bekommen. Der neue Kombiwagen war nicht nur viel bequemer (um nicht zu sagen luxuriöser) als der alte, hatte angeblich eine viel bessere Bodenhaftung und war auch leistungsmäßig viel stärker. Einfach spritzig... Bald stellte ich auch fest, daß der Fahrkomfort wesentlich höher war. Die gewöhnlichen Symptome der Reisekrankheit waren zwar immer noch da, waren aber doch vielleicht nicht so arg, wie früher. Das Modell war also so zu sagen "das letzte Schrei", auch vom Design her, so aerodynamisch, sportlich, mit kurzer, dünner Spitze kam gut durch.

Ausführung: PEG-Intron 80 mcg aus dem Rennstall Schering/1xWoche + nach wie vor Rebetol 1200 mg täglich.

Also öffnete sich vor mir eine neue Perspektive.

Ich laße mein Blut alle 3 Monate untersuchen. Jedesmal die gleiche Spannung beim Öffnen der Befunde. Der Adrenalinspiegel steigt, wie bei einem freien Fallschirmsprung mit Verzögerung. Jedesmal mit einer Sanftlandung. Blutbild: OK, Leberwerte: OK, Schilddrüsen: OK, Rheumafaktor: OK und.... das allewichtigste: PCR: negativ... So oft hielt ich das Papier in der Hand und las die Werte, wieder und wieder und so oft wollte ich gleich anschließend, sofort zum Kühlschrank greifen und mir gleich die nächste Spritze geben. So oft scheint die Welt schön zu sein und so oft braucht man diese Motivationsspritze, wie einen Schluck Wasser im Marathonlauf, denn die letzten Streckenabschnitte dieses nebeligen Sumpfes krieche ich schon am Bauch und habe nur den einzigen Gedanken: den Kopf oberhalb zu halten und das immer näher rückende Ufer anzustarren und nicht mal für eine Sekunde aus den Augen zu verlieren.

Ich kletterte weiter. Ich zählte meine Wunden nicht mehr. Ich merkte nur, daß meine Kraftreserven immer dünner wurden, daß sie nicht mehr lange reichen würden. Ich war sowohl körperlich, wie auch psychisch maßlos erschöpft. Ich spürte meine Erfrierungen nicht mehr. Dennoch spürte ich schon die Nähe des Gipfels. Ich wußte, er ist immer näher, nach der ganzen harten Weg, bereits in der Reichweite. Kann ich es doch noch schaffen?

Das war kein Klettern mehr, sondern ein mühsames, verbissenes Kriechen nach oben, mit der Wange dicht an den Felsen, mit einem schnellen Atem und zitternden Knien. Und doch mit einem Lächeln auf den Lippen. Noch ein paar Schritte und noch ein paar Griffe. ... immer höher und höher, immer näher und näher an den Gipfel, an mein Ziel heran... An das Ende des Kletterweges meines Lebens...

Den Ufer erreichte ich seelisch und körperlich völlig erschöpft am 2.Februar 2001. Nach 155 Spritzen á 5 Mio. IFN, 24 Spritzen PegIntron á 80 mg. und genau 3234 Kapseln Ribavirin überquerte ich meine Ziellinie. Nach 76 Wochen Kampf mit allen Höhen und Tiefen, mit der ganzen Palette von Verzweiflung bis zur Euphorie. Erfüllt von Glück, Erleichterung und Hoffnung küsste ich weinend den Boden des gerade erreichten Ufers.

Jetzt lehne ich mich zurück und warte. Versuche mit Geduld abzuwarten bis sich die Nachwirkungen abschwächen oder hoffentlich irgendwann ganz verschwinden. Ich habe alles, was in meiner Macht stand, getan, alles worauf ich irgendeinen, ja sogar minimalsten Einfluß hatte. Jetzt kann ich nur mehr hoffnungsvoll warten, bis das Urteil, das irgendwann bereits gefallen ist, verkündet wird. Zuerst Mitte Mai, dann wieder nach 3 Monaten, Mitte August, wenn sich entscheiden soll, ob ich ein glücklicher sustained responder bin, oder mich mit der Niederlages eines relapses abfinden muß.... Mehr kann ich nicht tun. So oft und so viel hängt im Leben leider einfach vom Glück ab. So ein Roulette...

Ich bin glücklich, daß ich das Ufer erreicht habe, bin aber nicht unglücklich diese, Strecke durchwatet haben zu müssen. Die Krankheit und das Ringen mit ihr ließen mir das Leben und alles um mich herum mit anderen Augen betrachten. Eine Krankheit ist eine schwere und harte Erfahrung. Ich möchte nicht mehr krank sein, ich möchte nicht mehr zu der Ausgangsposition vor der Krankheit/Diagnose/Therapie zurückkehren. Doch die Welt, die mich umgibt, deren ich ein Bestandteil bin, hat für mich eine neue, intensivere Farbpracht und einen neuen Kontrast bekommen. Jede Landschaft, jeden Ton und jeden Klang empfinde ich anders als zuvor und ich möchte nicht mehr, daß sich das ändert. Ich verpaßte meinem Leben neue Wertigkeiten, die ich nicht mehr verlieren möchte und ich werde in meinen Bemühungen nicht aufhören, sie zu bewahren. Die Diagnose war eine harte Sache, sie alleine tut irrsinnig weh, der Weg durch die Umwege der Therapie auch kein Spaziergang und ich weiß nicht, wie das noch alles ausgeht, ich möchte es aber nicht missen, denn statt dem alten Pawel ist ein neuer geboren, der mir viel besser gefällt, als der erste. Man hat mir ein neues Leben geschenkt und der Weg dorthin hat vor mir auch einige Wahrheiten entdeckt, die bis jetzt für mich nicht bekannt oder bewußt waren. Das ist ein Reichtum, und es ist auch eines hohen Preises wert. Ich hab es gerne bezahlt. Die harten Strecken geben immer auch positive Erkenntnisse und bringen einem somit immer etwas bei und diese Erfahrung durfte ich auch machen. Ich möchte sie nicht mehr machen müssen, aber ich bin über sie glücklich. Die Krankheit ließ mich alles neu entdecken das Leben neu ordnen. Und das war eine Entdeckung meines Lebens.

Und dann stehe ich oben, auf dem Gipfel, ich atme tief die klare Luft und blicke in das Tal hinunter und auf meinen Schatten, den ich auf die gerade Wolkenfläche werfe, denn ich stehe weit oberhalb der Wolken und des Nebels und das einzige, was oberhalb von mir ist, sind der Himmel und die helle, unbetrübte Sonne...

Und eigentlich ist es unendlich traurig, daß ein Mensch erst einen richtig tiefen Einschnitt auf der Seele braucht, um einige Wahrheiten zu erkennen. Und noch trauriger, eigentlich ein tragisches Mißverständnis der menschlichen Natur ist, daß man im Lauf der Zeit diese Erkenntnisse vergißt. So oft verschwendet man dieses Reichtum. Ich werde daran setzen, daß es bei mir nicht der Fall sein wird. Ich möchte nie mehr wieder die Welt mit den alten Augen sehen, denn die neue Welt ist wesentlich schöner und wertvoller.

 

Dekalog

Es ist nicht unwichtig, daß man sich für diesen Weg entsprechend richtig vorbereitet und einstellt.

Wenn diese Strecke Dir noch bevor steht, möchte ich Dir ein Geschenk machen. Ich möchte Dir ein paar Gedanken schenken, die Dir vielleicht behilflich sein werden, diese Distanz zu durchqueren. Mir zumindest haben sie sehr geholfen, auch wenn ich sie noch nicht alle von Anfang an in mir getragen habe. Nimm sie auf Deinen Weg mit.

  1. Habe keine Angst.
  2. Angst wird Dir nicht helfen, denn sie ist bekanntlich ein schlechter Berater. Die Angst macht Dich manövrierunfähig und machtlos. Angst lähmt die Fähigkeit des rationellen Denkens. Leicht gesagt, ich weiß... Zuerst mal beruhige Dich. Es ist kein Ende, auch, wenn es vielleicht im ersten Augenblick danach ausschaut! Du hast vielleicht einen mühsamen Weg vor Dir aber er ist durchquerbar. Es gibt vielleicht Möglichkeiten und Wege, diesem Schicksal zu entwischen. Angst ist destruktiv, greift Denkprozesse an. Angst macht, daß Du wie ein Kaninchen vor einer Schlange bewegungslos bleibst und nicht fähig bist, irgend etwas zu unternehmen, um der Katastrophe zu entkommen. Doch Du bist ja in einer Lage, in der der Handlungsbedarf mehr als klar ist. Versuche Deine emotionelle Ebene auszuschalten, und lege den Fokus auf der rationalen Seite. Und es ist halb so schwer, wenn man sich dessen bewußt ist, daß es keinen Grund gibt, sich in der Angst zu versinken. Die Diagnose ist oft ein harter und unerwarteter Schlag, doch wir sind am Leben und brauchen uns nicht fürchten, daß es sich bald ändern muß. Manchmal ist es besser, manchmal schlimmer, aber man kann immer irgend etwas unternehmen, um das Problem zu reduzieren oder sogar es zu eliminieren. Was Du jetzt brauchst, ist eben Mut und ein klares Denken. Du mußt Deinen Aktionsplan skizzieren, nachdem Du Schritt für Schritt dann gehen sollst, um sich nicht im Sumpf der Verzweiflung zu verlaufen. Es wäre ein schlechter Start. Habe also Mut!

  3. Es ist so, wie bei einem Project Management.
  4. Du bist jetzt ein Project Manager und es handelt sich um ein Project Deines Lebens. Es gibt einige grundsätzliche Faktoren, welche für einen Erfolg ausschlaggebend sind. Vor allem sich ein Ziel zu setzen, den Willen und den Glauben aufzubringen, es zu erreichen, und alles mögliche unternehmen, was uns nach einer zuvor gesetzten Strategie näher ans Ziel bringen kann. Setze Dir also ein realistisches Ziel. Ziele setzen ist doch eines der Grundvoraussetzungen des Erfolges. Ohne Ziel kannst Du ja kein Ziel erreichen. Und verfolge das Ziel mit hartnäckiger Konsequenz. Bleibe immer am Ball und verliere das andere Ufer niemals aus den Augen. Vergiß nicht den Fortschritt regelmäßig und diszipliniert zu monitoren und die Meilensteine, wie Checkpoints immer zu kontrollieren. Jeden Tag, jede Stunde und jede Minute konzentriere alle Deine Kräfte daran, das Ziel zu erreichen. Es ist auch eine Willenssache, man muß es wollen, denn alles, was man mit allen

    Fasern des Herzens will, erreicht man auch. Es ist der beste Weg zum Mißerfolg, den Willen nicht in die Waagschale zu werfen.

  5. Bleib zuversichtlich und zweifle niemals am Erfolg.
  6. Glaube ist ebenso ein wunderbares Vehikel, das jeder Unternehmung viel Antrieb verleiht. Ohne Glauben an den Erfolg, wäre ein Erfolg reiner Zufall und somit eigentlich kein Erfolg mehr. Schließe den Mißerfolg nicht aus, zweifle aber nicht an den Erfolg. Sei Optimist, denke positiv, das hilft Dir, es durchzustehen, das Ziel zu erreichen. Dein Optimismus und das positive Denken sind wie eine gute Fee, die Dir ihre Hand immer wieder reichen wird, und hilft, den nächsten Schritt zu setzen. Das soll Dir Wegweiser und Orientierungshilfe sein. Du wirst den Optimismus brauchen. Verzweiflung ist dagegen ein böser Geist, der Dir die Niederlage ins Ohr flüstert und dadurch trübt Dein Herz. Höre nie an diesen Geist!

  7. Beschaffe Dir umfassende Informationen.
  8. Infos über die Krankheit, über die Therapiemöglichkeiten, Ärzte und Kliniken. Suche Dir einen guten Arzt, der Dich auf Deinem Wege begleiten wird. Der richtige Arzt, kann Dir helfen die für Dich richtige Vorgangsweise zu optimieren, und zwar unter Berücksichtigung aller Begleitumstände, d.h. der histologische Zustand Deiner Leber, Dein Alter, Entzündungsgrad, Genotyp usw. aber vor allem aller Deinen physischen wie auch seelischen Kapazitäten. Mach alle mögliche Untersuchungen. Verdränge es nicht!

    Es ist immer besser den Status quo zu wissen, denn je mehr Du weißt, desto besser kannst Du den richtigen Weg bestimmen. Du mußt Dir auch selbst dessen bewußt sein, wo Du stehst, damit Du auch in der Lage bist abzuschätzen, welche Richtung Du einschlagen sollst und mit welchen Mitteln Du optimal unterwegs sein kannst. Wenn Du weißt wo Du bist, kommst Du weiter, wenn nicht, tappst Du nur im Dunkeln.

  9. Vergiß niemals die Liebe als Therapiebestandteil.
  10. Der Mensch ist ja ein soziales Wesen. Ein Geschöpf, dem es ein natürliches und existentielles Bedürfnis ist, mit anderen auf einer emotionalen Ebene zu kommunizieren, d.h. die Gefühle auszutauschen. Besonders, wenn es sich um positive Gefühle handelt und ganz besonders, wenn es Liebe ist. Deshalb ist dieses Geschöpf eine Person, ein Mensch. Der Mensch braucht Liebe, d.h. er hat das Bedürfnis, Liebe zu schenken und sie auch zu empfangen. Eine Krankheit verstärkt dieses Bedürfnis, Mangel an der Liebe dagegen verstärkt die Krankheit. Wenn es an Liebe mangelt, wird der Mensch innerlich entwurzelt, und ohne Nahrung stirbt er. Daher tue alles, was Du tust, mit Liebe, auch wenn Du mitten in der schwersten Phase der Therapie steckst, vergiß nicht diesen Behandlungsbestandteil beizufügen.

    Dazu brauchst Du kein Rezept vom Arzt. Dieses Medizin kriegst Du in keiner Apotheke. Liebe ist aber ein unersetzbares Therapiemittel mit einem breiten Wirkungsspektrum und enormer Wirkungsstärke. Sie ist stark schmerzlindernd, entzündungshemmend, wirkt antidepressiv und... davon bin ich überzeugt – antiviral und immunstärkend. Sie kommt doch von der Gruppe "Lebenselixire" und ist, laut meiner Untersuchung, nicht nur eine therapieunterstützende Maßnahme, sondern sogar eine notwendige Voraussetzung für einen Therapieerfolg. Sie belebt und läßt überleben auch unter der schwersten Last läßt sie einen nicht in ein Loch abrutschen, sie gibt Kraft und Mut, läßt niemals aufgeben. Es ist ein völlig universales Medikament ohne Alterseinschrenkungen, für jedes Alter bestens geeignet und im jedem Alter ist die Wirkung garantiert. Was die Dosierung angeht, sind da auch keine Grenzen gesetzt, je höher dosiert, desto besser, Überdosierung kommt nicht in Frage. Und die Nebenwirkungen sind wunderbar, es ist wie ein Zaubertrank.... Wechselwirkungen sind keine festgestellt. Das einzige, womit man aufpassen sollte, sind die Gewöhnungseffekte... Die Formen können sehr verschieden sein, alles, was auch individuell unter Liebe verstanden werden kann, vor allem aber Zuneigung, Verständnis, das Bedürfnis mehr zu geben, als zu nehmen... Liebe ist die wirksamste Medizin, eine heilende Kraft. Sie läßt Dich ohne Schmerz und ohne Schaden durchs Feuer gehen. Liebe ist fähig, jedes Problem zu lösen. Versuche immer Dir dessen bewußt zu sein, mit Liebe erreichst Du alles, was Du vorhast. Und es ist so einfach...

    Kein Pharmakonzern ist in der Lage, dieses Wundermittel herzustellen, und die Krankenkassen sind auch nicht bereit die Kosten zu übernehmen... Gott sei Dank, denn man soll es sich doch leisten können, einander die Liebe einfach gegenseitig zu schenken. Mit den Menschen, die Dir ihre Liebe schenken, wird jedes Hindernis für Dich leicht zu bewältigen sein. Noch leichter wird es, wenn Du ihnen Deine Liebe schenkst. Schau, daß Du solche Menschen immer um Dich hast. Menschen, die zu Dir, nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten stehen. Deine Partner, Kinder, Eltern, vielleicht Geschwister, Freunde. Sie bringen Dich sicher auf das anderen Ufer...

    Und schau Dich gut um. Du findest genug Menschen, denen es viel schlechter geht, als Dir selbst. Auch sie brauchen Deine Liebe. Spende sie ihnen. Durch liebevolle ermutigende Worte, die Kraft geben. Worte, die Du selbst brauchst, um weiter zu gehen, Liebe, die Du selbst brauchst, wie ein Schluck Wasser, um weiter zu leben. Hilf auch den anderen auf das anderen Ufer.

  11. Die Freunde
  12. In dem Fall ist auch die Chemie Dein Freund. Interferon in allen seinen Formen und Dosierungen, wie auch Ribavirin sind Deine engsten Alliierten. Und als solche sind sie von uns zu betrachten. Ohne sie ist Dein Sieg für Dich einfach nicht erreichbar. Es ist Deine Waffe. Ob das reicht? Weiß ich nicht... Es wird sich erst weisen, aber geh immer davon aus. Interferon und Ribavirin sind Deine Freunde, Deine Kampfgefährten und nicht Feinde. Daß Du ihnen manchmal einen Sold zahlen mußt? Ja, es kostet was, aber geh das Risiko ein, wenn es Dir nur möglich ist. Es lohnt sich. Und wenn es nicht klappt, nimm es ihnen nicht übel. Der Feind war diesmal noch stärker...als alle verbündete Kräfte, Deine und die Deiner Freunde.

  13. Rechne die Chancen nicht aus
  14. Ja, es stimmt, manchmal zahlst Du einen hohen Sold. Manchmal zahlst Du es umsonst, denn Dein Opfer reicht nicht. Sei aber bereit es zu zahlen, weil die Belohnung für Dich auch wahrlich fürstlich sein kann. Wenn immer eine Chance besteht, eine winzige sogar, ist sie zu nutzen. Leider hat nicht jeder eine Chance, um so mehr soll man sie nutzen, wenn man in der glücklichen Lage ist sie zu haben. Und man sollte sich die Chancen nicht ausrechnen. So und so viel Prozent. Man soll kein Chancen/Preis- Verhältnis aufstellen. Das Leben ist auch voll der schönen Dinge, darunter auch schöne Überraschungen und Erfolge. Die einzige Voraussetzung dafür ist, nicht aufzugeben, die Hand immer nach dem auszustrecken, was wichtig ist. Auch das scheinbar Unmögliche, erweist sich manchmal als durchaus möglich, man darf nur nicht aufhören, dafür zu kämpfen. Solange man das Ziel noch nicht erreicht hat, soll man weiter gehen, niemals resignieren. Die sicheren Wege zum Mißerfolg sind die Resignation, die Angst, der Mangel an Glaube, an Liebe und an die Hoffnung sowie die fehlende Bereitschaft, ein Risiko einzugehen.

  15. Habe Geduld
  16. Es ist unglaublich, wie lange ein Jahr zu sein scheint... Ein Jahr des harten Weges ist lang. Ein Jahr geht aber auch schnell vorbei. Habe nur Geduld. Ohne Geduld und Ausdauer ist niemand in der Lage, lange Distanzen laufen. Eine solche Therapie ist keine Angelegenheit für die Sprinter. Die Schritte, die man setzen muß sind langsam, sie müssen viele sein, sie benötigen Zeit. Es ist hilfreich sich einen Kalender anzulegen. Die Form ist sekundär. Man kann, wie ein Gefangener, sich täglich einen Strich auf der Wand oberhalb des Bettes, auskratzen. Man kann sich ein Maßband kaufen, wie es von Schneidern gern gebraucht wird, und jeden Tag ein Zentimeter abschneiden und schauen, wie das Band kürzer und kürzer wird.

    Das baut unheimlich auf. Ich habe mir in meinem PC ein Diagramm als Bildschirmhintergrund angelegt. Nach jeder Spritze änderte sich das Verhältnis zwischen den bereits vollstreckten und noch verbleibenden Injektionen. Und immer, wenn ich meinen Laptop aufklappte, konnte ich sehen, wie weit ich bereits bin und wie wenig Schritte noch zu machen sind. So verliert man auch das Zielufer nie aus der Sichtweite. Und wenn ich gefragt wurde, was bedeutet diese Diagrammtorte, antwortete ich, es wären Meilensteine eines meinen Projekte, des wichtigsten...

  17. Depris: Die härteste Sache
  18. Vielleicht ist die allerhärteste Sache auf diesem Weg immer wieder tief abrutschen zu müssen und sich mühsam wieder aufzuraffen, immer wieder umzufallen und immer wieder aufstehen zu müssen. Immer wieder schwarze Vögel hinter sich kreisen zu sehen, und zu wissen, daß sie nur darauf lauern, daß man nicht mehr wieder aufsteht, sondern liegen bleibt. Nun bei dieser härtesten Sache ist das wichtigste, folgendes zu wissen.

    Diese Raben sind subjektiv gesehen eine Realität. Man sieht sie, hört ihres Gekrächze, man spürt fast die Berührung ihrer Federn.... Nun es ist wichtig, nie zu vergessen, daß es sie objektiv gar nicht wirklich gibt. Sie entstehen nur in unserer so stark strapazierten Seele. Das sind künstliche Geschöpfe, wir können sie zwar sehr deutlich, manchmal sehr schmerzhaft empfinden, dennoch sind sie nur in uns existent und nur so lange, als wir auf diesem Weg unterwegs sind. Ich weiß, das tut eh schon weh genug, es trägt aber auch zu, Linderung der Seelenschmerzen bei, wenn man es nie vergißt.

  19. Das Reisegepäck
  20. Diese 9 Gebote sollen ein Reisegepäck sein.. Die Ausrüstung, die man braucht, um nicht unterwegs zu ertrinken und das Ziel zu erreichen. Packe das alles sorgfältig zusammen, bevor Du auf Deinen Weg gehst.

    Das 10.Gebot lautet: habe Dein Gepäck immer bei Dir, immer und in jeder Situation. Packe oft aus, auch mehrmals am Tag, nimm es in die Hand und schau es Dir an. Und denke darüber nach. Immer wieder....

    Was man jetzt noch braucht, ist nur ein kleines bißchen Glück...

X X X

Jetzt wenn ich diese Worte schreibe, sitze ich vor meiner Hütte in der Frühlingssonne mit meinem Laptop am Schoß. Die Bank, auf der ich sitze, ist hart. Die Natur und die Berglandschaft, die mich umgibt und die ich jetzt bewundern kann, ist aber dafür atemberaubend schön. Meine Berge, meine Heimat, mein Zuhause. Es gibt noch eine Menge Schnee rundherum, ich sitze trotzdem draußen, hab einen dicken Rollkragenpulli an und genieße so die Sonnenwärme des Vorfrühlings. Aus den Eiszapfen, die vom noch dick mit Schnee bedeckten Dach herunterhängen, tropft das tauende Wasser. Da und dort, wo der Boden von der Schneedecke bereits befreit ist, sprossen junge Krokusse, in einigen Tagen bedecken sich diese Stellen mit einem violetten Teppich. Der Winter wehrt sich noch ein bißchen, wird aber sichtbar schwächer...

Unter der Bank, auf der ich sitze, hat Brys sein vorläufiges Asyl gefunden. Er hat seinen riesigen zottigen Kopf auf der Pfote gelegt und schielt mich mit einem Auge an... In der Dachrinne zerren sich zwei Spatzen herum... ich weiß nicht – kämpfen sie miteinander oder spielen sie nur?

Daß mir das alles jetzt auffällt? Komisch? Oder vielleicht gar nicht komisch?

Ich blicke auf meine Berge, die zugleich so drohend, aber auch so faszinierend schön sind. Ich blicke auf meinen Weg, meinen letzten Klettersteig, den härtesten in meinem Leben. Mein Gott, bin ich froh, daß ich lebe. Ich blicke mit meinen Gedanken auf meinen Kampf, alle meine Wunden und Frostbeulen zurück. Wann vernarben sie?

Ich glaube, manche bleiben schon für immer. Manche werden wahrscheinlich noch lange weh tun. Ich bin wie ein Krieger, der nach einem siegreichen Krieg, hat immer noch den Lärm des Kampfes und Knirschen der Schlacht in den Ohren und in der Seele. Und kniend betet er um den Frieden, denn er sehnt sich nach nichts mehr als nach dem Frieden. Nicht mal nach dem Sieg, der ja für den Frieden eine Voraussetzung war...

Ich blicke auch auf alle meine Kampfgefährten, die mich begleitet haben. Ich hätte ohne sie diesen Weg niemals schaffen können. Meine Familie, alle Freunde von der Mailingliste. Ich blicke auf alle zurück, die es nicht geschafft haben, das Ziel zu erreichen, was mir so weh tut, denn ich empfinde, es ist menschlich eine tragische Ungerechtigkeit des Schicksals. Ich blicke auf alle, die vom Schicksal keine Chance bekommen haben, diesen Weg zu beenden oder ihn antreten zu dürfen. Ich bin ihnen persönlich nie begegnet, ich trage sie aber alle tief in meinem Herzen. Martina, Lony, Hilde, Georg-der Bowler, der Nestor Gerhard... sie sind die wahren Sieger! Und es ist ein wahres Privileg sie zum Freundeskreis zählen zu dürfen. Ich blicke auf alle, die mir geholfen haben, meinen Schmerz zu stillen oder den Weg oder die Richtung im dichtesten Nebel zu finden, die mir unter die Arme gegriffen haben, immer wenn ich abrutschte oder stürzte, und die mit mir gejubelt haben, wenn ich wieder aufstehen konnte. Es ist ein Privileg, es ehrt mich Euer Schuldner sein zu dürfen...

Ich blicke auf jeden Schritt und jeden Griff zurück. Auch auf den ersten und auf den letzten. Jede schlaflose Nacht und jeden Morgen, mit dem auch immer, begleitet vom Morgenrot, eine neue Hoffnung und mit ihr eine neue Kraft kam. Ich blicke zurück auf alle Augenblicke meiner Schwäche, als ich den Glauben und die Hoffnung in den Erfolg verlor. Ich blicke auf die letzten 17 Monate meines Weges zurück. 17 Monate des Leidens, des Ringens, und der Freude. Jetzt wird mir vielleicht ein neues Leben geschenkt, eine neue Chance, nachdem ich bereits vergessen habe, was es eigentlich heißt zu leben und sich über das Leben freuen. Man muß sich ja auch dessen bewußt werden, daß die Freiheit vom Leiden, vom Schmerz und von der Angst, eine Gabe ist, die uns gar nicht a priori und automatisch zuscheht. Es ist ein Geschenk des Schicksals. Und ich dürfte auch erfahren, daß man das Schicksal und seine Urteile mit Demut begegnen soll, denn unser Schicksal schaut nicht auf unseren Hochmut, sondern führt uns durch eigene Wege, und somit bringt uns so wie so den Demut bei. Und für diese Lehre bin ich meinem Schicksal dankbar.

Ich weiß nicht, ob der Weg schon beendet ist. Vielleicht muß es weiter gehen? Wenn nicht, dann bin ich sicherlich bald wieder auf einem anderen Weg unterwegs. Jetzt bin ich aber dem Schicksal unendlich dankbar, daß ich nach diesem Klettersteig jetzt auf dieser Bank sitzen und in meine geliebten Berge schauen darf, wo ich auch meinen Weg zurück gelassen habe... Ich kann diesen Steig jetzt von hier genau sehen... Ob ich diesen Weg noch einmal durchmachen würde, damit ich hier, auf dieser wieder Bank in der Sonne sitzen und ihn wieder von der Weite betrachten darf? Ja, ganz sicher! Sollte mich wieder mein Pfad dorthin führen, werde ich wieder dorthin gehen. Es lohnt sich immer...

Nichts kann jetzt diese Ruhe trüben... es ist so still...

Der Frühling kommt, wie immer, bestimmt wieder.

Nachtrag

Es ist bereits 6 Monate nach meinem Therapieende vergangen. Ein entscheidender Augenblick... Jetzt stellt sich heraus, ob mein Weg mich ans Ziel geführt hat.

Bin ich ein Sustained Responder oder ein Relapser?

Aber wie geht es mir ein halbes Jahr danach?

Und als ich heute mit einem Flieger unterwegs war, dachte ich mir, es ist ein bißchen ähnlich und es gibt Parallelen zwischen meinen gesundheitlichen und wirklichen Take Off von heute.

Als ich meine Maschine heute Früh bestieg, war es grauslich, nebelig und es nieselte scheußlich. Von der Sonne gar keine kleinste Spur, nicht mal andeutungsweise. Eine düstere, grau-kalte Welt. Und die Maschine mußte sich lange brüllend und mit spürbar großer Mühe hochkämpfen. Und die unangenehmen Turbulenzen, so daß es einem wirklich übel und schwindelig werden kann, wurden uns leider auch nicht erspart. Nun, es dauerte auch länger, als man gewöhnt ist, bis der Nebel begann endlich sich etwas zu lockern. Der Flug wurde ruhiger. Mit der Zeit war die Sicht doch klarer und auch immer mehr Sonnenstrahlen drängten durch die Wolken durch, bis man mit einer märchenhaft schönen Wolkenlandschaft unter der goldscheinenden Sonne auf dem klarblauen Himmel belohnt wurde. Nichts war düster-grau mehr. Es stellte sich heraus, daß die Welt doch voll der schönsten Farben ist. Blau, weiß und gold. Es wackelte zwar immer noch ein bißchen, und schwindelfrei war es mir eigentlich noch lange nicht, aber ich war, wie immer, sowohl vom Ausblick, wie auch vom Gefühl des Fliegens begeistert und fasziniert. Und ich war auch froh, daß es mir gelungen ist, durch diesen Wolkenmantel durchzukämpfen. Man hat dann immer ein Stückchen Sonne im Herzen... nicht wahr?

Ich habe noch, manchmal sogar starke Gliederschmerzen, manchmal wird es mir richtig schwindelig und stehen bleiben kann ich auch nicht sehr lang. Ich könnte noch weder Marathon laufen, noch Eiger Nordwand besteigen, aber der Gedanke vom Sessel oder vom Bett aufzustehen, erfüllt mich nicht mehr mit Entsetzen und Angst, ob ich es schaffe und ich muß nicht mehr alle mögliche physische und mentale Kräfte sammeln, damit ich es tue. Manchmal werde ich sooo müde, daß ich mir die Streichhölzer zwischen die Augenlieder stellen muß, damit ich die Augen offen halten kann, aber wenn ich am Abend einschlafe, schlafe ich durch bis mich am nächsten Morgen ein süßer Kuß meiner Töchterchen aufweckt. Und ich muß nicht mehr bis Morgengrauen zwar todmüde, aber doch nicht fähig zum einschlafen am Rande des Bettes blöd herumsitzen und mit den blöd-schwarzen Gedanken ringen. Ich kann normal essen, normal arbeiten, normal schlafen... Ich kann ein ganz normales Leben führen, ohne immer mit irgendwas kämpfen zu müssen, mit dem Brechreiz, mit der Schwäche, mit den ständigen Schmerzen, mit dem Konzentrationsmangel und mit einem dunklen Drachen, der sich immer wieder ins Herz hinein schlich, um sich einzunisten. Die Welt wackelt noch ein wenig, aber ich muß mich nicht mehr fürchten, daß ich umfalle und ich muß nicht mehr immer vorsichtshalber einen Sitzplatz in Sichtweite haben. Ich habe ein bißchen zugenommen, und werde voraussichtlich bald wieder in meine Hosen und Hemden passen, ohne daß sie auf mir hängen, wie auf einem dünnen Kleiderbügel. Mein Haar wird dichter und der Abfluß der Badewanne nicht mehr immer wieder verstopft... ...und das wichtigste: ich fürchte mich nicht mehr vor der Zukunft, ich habe keine Angst weiter zu leben, was ich in den langen Therapiemonaten nicht immer behaupten könnte.

Und die Welt und das Leben nimmt wirklich neue, faszinierende Farben an, Farben, die ich zum Teil bisher gar nicht gekannt hab. Ich darf es neu entdecken, was heißt das Leben genießen zu DÜRFEN. Ich liebe Menschen und ich liebe alles, was ich um mich herum finde jeden Sonnenuntergang und jeden Sonnenaufgang.

Alle meine Blutwerte sind nach der Therapie wieder in die Norm zurückgekehrt, Leberwerte sind perfekt und vor allem PCR HCV ist negativ.

Laut der medizinischen Diktion darf ich mich Sustained Responder nennen. Ich schließe eine harte Etappe meines Lebens ab und das tue ich nicht ohne tiefen Berührung.

Jetzt werde ich meine Rüstung ausziehen und ablegen. Ich bin müde aber glücklich. Und werde ich jetzt auch mein Leben neu für den Frieden einstellen und einrichten, denn der Krieg ist zu Ende...

Ich hoffe auch, daß meine Worte auch Hoffnung und Mut spenden können, an jeden, der noch am Weg ist und auch an jeden der noch mit den Gedanken ringt, den Kampf aufzunehmen oder wiederaufzunehmen. Der heutige Tag ist eine Belohnung, die ich bekomme und es lohnt sich wirklich danach zu reichen. Es ist ein harter Weg, man kann sich aber die Sterne holen. Und offensichtlich ist es auch möglich im Leben eine zweite Chance zu bekommen, nachdem man ein zweites mal geboren ist.

Heute beende ich meinen Weg.

Es ist schön ans Ziel zu kommen.

Es ist schön da zu sein.

Pawel (St.Georg)

 

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