Deutsches Hepatitis C Forum e.V

48 Wochen sind kein Jahr

 

Fragmente eines Tagebuches

Viktoria, Frankfurt am Main, Herbst 2002

ImageFür Betroffene und LeserInnen.

Diese Aufzeichnungen sind Fragmente, die im Laufe einer 48 Wochen dauernden Therapie gegen Hepatitis C im Jahr 2000/2001 entstanden sind. Auf detaillierte medizinische Daten habe ich in den Tagebuchfragmenten bewusst verzichtet. Die Behandlungsmethoden ändern und verbessern sich glücklicherweise derzeit in rasantem Tempo und bieten erfolgversprechende Ansätze. Für alle, bei denen die schulmedizinische , d.h. die chemische Behandlung nicht zum Erfolg führt, bleiben wenige andere Wege. Obwohl ich selbst von Anfang an eine sogenannte Kombinationstherapie mit pegyliertem alpha-Interferon mit immunmodulierenden Eigenschaften und dem Virostatikum Ribavirin angestrebt habe, glaube ich, dass auch Alternativen ganz entschieden im individuellen Fall ernst zu nehmen sind. Dies wird von der Schulmedizin jedoch nicht bestätigt, da keine Studienergebnisse unter wissenschaftlichen Bedingungen bei ayurvedischen (indischen)-,chinesischen(Kräuter)-und anderen Behandlungsmethoden vorliegen. Ich denke, dass diese alternativen Therapieansätze jedoch mit der jeweiligen Lebensphilosophie im Hintergrund Erfolg bringen können.

 

Zum Text:

 

Der vorliegende Text ist von mir sechs Monate nach Beendigung der Therapie "zusammengesetzt" worden. Er ist auch insofern mit Abstand entstanden. Viele Leserinnen und Leser dieser Fragmente haben die Sehnsüchte und Ängste hinter den knappen Sätzen auf Anhieb entdeckt. Andere waren irritiert. Ich wurde von einer Leserin gefragt : Wo bleibt das verletzte ICH an vielen Stellen deiner Aufzeichnungen ?

Es versteckt sich immer dann hinter Worten, wenn es zu schwach geworden ist. Die Worte sind jedoch nicht nur Schutz, sondern auch bewusst deutliche starke Zeichen. In den Gedichten dagegen ruht sich das ICH gerne aus. Dort findet es die nötige Ruhe und Klarheit. Die Gedichte in diesem Buch sind während der Therapiezeit entstanden.

Die folgenden sind bereits in Anthologien veröffentlicht :

  • "Kindheit" Jahrbuch für das neue Gedicht 2002, Brentano-Gesellschaft, Frankfurt a.M.
  • "vater" Ausgewählte Werke IV, Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes, München
  • "liebesdicht" Ausgewählte Werke V, Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes, München

 

Ich erinnere mich.

Plötzlich war da ein Bahnsteig, den ich nicht kannte. Der Zug, in dem ich saß, fuhr gerade wieder an . Zuerst keine Idee, wo ich mich befand, kam ich langsam zu mir. Ich musste nach dem Verlassen meines Büros in der U-Bahn-Station, an der ich täglich einstieg, wie immer also, zwar die Gleise gefunden , aber in die falsche S-Bahn eingestiegen sein. Punkt. Das war schon alles. Ein Black-out nach achtstündigem Arbeitstag, nachdem ich offensichtlich den letzten Rest an Energie und Konzentration in die Stechuhr gesteckt hatte. Der Heimweg hätte nach eingeübten Mustern erfolgreich sein können, d.h. unauffällig und zielsicher. War er aber heute nicht. Nicht das erste mal übrigens. Aber doch wieder erschreckend für mich. Am helllichten Tag nicht zu wissen, wie man Kilometer weit entfernt an unbekannten Orten landet. Mir fehlten ungefähr dreißig Minuten dieses Tages. Ich hatte nicht geschlafen. Jedenfalls nicht mit geschlossenen Augen. Das wäre eine plausible normale Erklärung gewesen. So einfach hätte es sein können. War es aber nicht. Mein Gehirn hatte sich zur Ruhe gesetzt und es fiel mir auch jetzt, nachdem ich ganz allmählich erahnen konnte, in welche Richtung ich gefahren war, nur verzögert ein, was zu tun war. Nächste Haltestelle raus und auf der anderen Seite wieder zurück zum Ausgangspunkt. Umsteigen, wie immer, und mit dem Bus später bis fast vor die Haustür. Das klappte einwandfrei.

Aber mein Akku war jetzt ganz und gar leer. Als ich meine Wohnung betrat konnte ich nur etwas trinken, wenig essen, und ich fiel auf dem Sofa in mich zusammen ohne wirklich wahrzunehmen, was mein Sohn noch von mir wollte.

* * * * *

Seit Monaten hatte ich tränende und juckende Augen, die Nase lief. Die Nebenhöhlen waren durchleuchtet worden und alles war übel diagnostiziert. Mindestens chronische Nebenhöhlen- und beginnende Stirnhöhlenvereiterung. Einlieferung am liebsten morgen , folgend eine OP an der verkrümmten Nasenscheidewand, damit das verschleimte Hirn hätte frei werden können. Dann war da noch der bereits monatelang anhaltende Husten. Nach Röntgen- und Ultraschallaufnahmen gab es jedoch keinen krankhaften Befund an Lunge und Bronchien. Allgemeine Diagnose : Geschwächtes Immunsystem. Und Krankschreibung bis auf weiteres. Berufsstress als flankierende Begründung für die überwältigende Müdigkeit und Schlappheit. Mir blieb ein mulmiges Gefühl. Ich war die letzten zwanzig Jahre kaum krank gewesen.

Äußeres Prädikat : schlank und gesund, sportlich und fit. Jetzt war ich nur noch schlank. Es ergaben sich auch weiterhin keine von der Norm markant abweichendenden Werte bei Urin- und zweiter Blutuntersuchung. Vielleicht Anzeichen für Keuchhusten, aber das war nicht eindeutig zu sagen. Es wurden Kulturen von allen flüssigen und festen Körperausscheidungen angelegt. Auch ein Hormonspiegel und ein Vitaminspiegel. Sie brachten keine ungewöhnlichen Daten. Nach einer wiederholten, auf mein Drängen erneut durchgeführten Blutentnahme für ein sogenanntes großes Blutbild überstürzten sich die Nachrichten plötzlich über wenige Tage verteilt.

Diagnose : HCV positiv. Hepatitis C .

In welchem Stadium war nicht sofort klar, da erst weitere Blutuntersuchungen detailliert Aufschluss über die Virenlast pro Milliliter Blut geben konnten und weitere konkrete Maßnahmen im Krankenhaus erfolgen sollten.

* * * * *

Wir hatten zu dritt abends um den Tisch herum gesessen und uns leise fragend angeschaut, nachdem der Anruf beim Abendessen gekommen war. Ich rief spontan eine befreundete Ärztin an die sagte, doch nicht wirklich C, das ist die aggressivste Variante, eher A oder B wird es sein. Aber ich hatte mich nicht verhört. Und es war ihr unangenehm, dass ich es auf diese Art erfuhr. Mein Sohn wurde hellhörig. Mit Dreizehn lässt man sich nicht täuschen, wenn zwei Erwachsene sich hilflose Blicke zuwerfen, weil es keine passende Antwort gibt. Meine beiden Männer würden sich untersuchen lassen müssen. Vielleicht hatte ich sie angesteckt ? Oder mein Mann mich ? Woher hatte ich das Virus ? Und wie lange ? Was war bereits im Körper passiert ?

Die Nacht hatte kein Ende genommen und war doch zu kurz. Am anderen Tag fand der Betriebsausflug statt. Der Alltag ging weiter. Ich musste zum ersten Mal eine Entschuldigung finden, weil ich keinen Schluck Alkohol trank und die ausgelassene Stimmung nicht teilte.

* * * * *

Die behandelnde Homöopathin hatte mich abends telefonisch über den dringenden Verdacht unterrichtet und stand mir einen Tag später relativ hilflos gegenüber, da sie mit Hepatitis C keinerlei Erfahrung hatte. Selbstverständlich war es meine eigene Entscheidung, ob ich eine naturheilkundliche oder eine schulmedizinische Behandlung anstreben wollte. Die Unsicherheit der Homöopathin verführte mich nicht weiter über alternative Methoden nachzuforschen. Kenntnisse über unterstützende biologische Begleitmaßnahmen habe ich später während meiner folgenden Chemotherapie von anderen Betroffenen über Internet erworben.

* * * * *

Ich wandte mich also einen Tag nach Konfrontation mit der Diagnose an meinen Hausarzt, der Internist ist und die regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen der letzten Jahre vorgenommen hatte. Er handelte schnell und gründlich und erläuterte die Krankheit und die eventuellen Folgen und nahm auch bereits Bezug auf die medikamentösen Behandlungsmethoden. Ich hörte ihm zu und begann mir eigene Gedanken zu machen. Mir wurde klar, dass es konkret fassbare Gründe für meine unerklärlich alternierenden körperlichen und mentalen Schwächezustände der letzten Jahre gab. Ich hatte vor allem unter den Konzentrations- und Ermüdungserscheinungen, die durch Stoffwechselstörungen auftreten können, sehr gelitten. Die Tage waren in letzter Zeit immer kürzer geworden. Ich war jahrelang oft direkt nach der Arbeit zu Hause in Tiefschlaf verfallen, aus dem ich erst morgens wieder erwachte.

An Wissen hamsterte ich alles, was ich aus dem Internet und von medizinisch ausgebildeten Freunden und Bekannten erfahren konnte. Es war Herbst und ich wollte so schnell wie möglich eine erfolgversprechende Behandlung beginnen.

* * * * *

Ich ging durch den Park spazieren und hob behutsam Blätter auf, die zwischen den Bäumen auf feuchten Wegen und im angetauten Gras lagen. Zu Hause legte ich sie wie auf einen Altar in eine Schale. Als weiches Bett unter neugierig aufspringende glänzende Kastanien. Zwischen den Bäumen erschienen lauschende Ohren und gekräuselte Augenbrauen unter staunenden Augen. Ich fühlte mich zunehmend begleitet von aufmerksamem Schweigen. Montags hatte ich erfahren, dass ich meine Leber verlieren könnte. Dienstags begann der Park bunter zu werden.

Auf dem Rückweg
In den Ästen bleiben
Gedanken hängen wie
Vogelscheuchen mit
verrenkten Gliedern
zwischen den Bäumen
beobachten mich
Gesichter im Laub
stachlig gepanzerte
neugierig aufspringende
glänzende Körper
auf bunten Picknickdecken
schauen mir nach
Spindeldürre winken mir
auf dem Rückweg noch einmal zu
während warm verdeckt
meine Freunde schlafen.

* * * * *

 

Zur fundamentalen Untersuchung schickte mein Internist mich ins Krankenhaus zur Ultraschallaufnahme, die keine erkennbaren Veränderungen der Leber zeigte. Da ich mir mittlerweile ein breitgefächertes Halbwissen angelesen hatte, war mir der Ernst der Lage klar. Ich verließ den Ultraschallraum erst, als der Arzt mir zögerlich bestätigte, dass ein unauffälliges Bild der Leber durchaus auch bei einer Leberzirrhose zustande kommen kann. Ich wollte mir keine falschen Vorstellungen machen. Der Termin für eine Gewebeuntersuchung der Leber, eine Biopsie, wurde zeitnah im Krankenhaus für die Woche später vereinbart, weil ich darauf drängte. Danach würde man mehr wissen . Wie weit die Leber bereits in Struktur und Funktion geschädigt und verändert oder vernarbt war. Dem Klinikinternisten war nach der ersten Krankengenese klar, dass ich den Virus mit größter Wahrscheinlichkeit bei einer Bluttransfusion während der zwanzig Jahre zurückliegenden Nierenentnahme, Nephrektomie links, erhalten hatte. Ich versuchte mir automatisch ein Gesicht zu dem Virus vorzustellen. Damals wurde vor allen Dingen das HIV-Virus noch unerkannt als AIDS Auslöser von vielen Drogensüchtigen übertragen, die gegen Geld regelmäßig Blut spendeten. Dieser Kelch war zufällig an mir vorüber gegangen. Die Zeit der Übertragung und die Dauer der Beherbergung des Virus lässt vage Rückschlüsse auf eine Schädigung des Körpers zu. Ausnahmen bestätigen die Regel auch hier, aber bestimmte Annahmen konnte man wagen. Stoffwechselstörungen und Leberschäden waren mir sicher.

* * * * *

Die Biopsie fand ambulant in der Klinik statt. Fast vollständig angezogen, nur ohne Schuhe und Jacke, Hemd hoch, Hose geöffnet und bis zu den Schamhaaren herunter geschoben, mit entblößtem Bauchnabel, lag ich auf der kalten Liege . Unter Beobachtung auf dem Ultraschall wurde eine recht grobe langstielige Nadel unterhalb des oberen rechten Rippenbogens bis in das Organ eingeführt. Langsam, sehr vorsichtig und für mich nahezu schmerzlos wurde ein Stück Gewebe ausgestanzt und in einer Art Reagenzglas eingelagert zur Weitergabe ans Untersuchungslabor. So stellte ich mir eine ausgefranste Amöbe vor. Es erinnerte mich an Ausstellungen im Senckenbergmuseum , wo man ähnlich aussehende Kadaverstücke in vergilbten Flüssigkeiten in Behältern hinter Vitrinen stehen sieht. Ich fuhr nicht mit dem Bus zurück, sondern mit einem Taxi, weil man sich nach dem Eingriff nicht zu sehr bewegen sollte, um innere Blutungen zu vermeiden. Das große Pflaster und eine Art Prellungsschmerz zwischen den Rippen blieben mir für die nächsten Tage erhalten.

Es gab keine der möglichen Komplikationen.

* * * * *

Das Ergebnis hatte die Überschrift " Bericht über die pathologisch-anatomische Begutachtung eines Leberblindpunktates bei Hepatitis C " und beschrieb in wenigen medizinischen Worten kurzgesagt eine sogenannte Fibrose der Leber, die wahrscheinlich auf dem Weg zur Zirrhose war. Also ein beruhigendes Ergebnis, weil es ja hätte schlimmer sein können, las ich in den Augen des Internisten. So fühlte ich mich auch. Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß . Kein Endstadium, ein Stadium irgendwo davor. Mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit heilbar.

* * * * *

Die fünf Tage bis zum Erhalt der Diagnose waren geheimnisvoll und auf ihre Art heilig.

Draußen wurde es allmählich Winter und ich wusste, dass es das ruhigste Weihnachtsfest aller Jahre werden würde. Vor Freude oder vor Trauer, dass nichts bleiben würde, wie es war. Es war plötzlich still und hell geworden. Ich stellte mir unwillkürlich die ganze Stadt, die Straßen, auf denen ich zur Arbeit ging, den Park, durch den ich täglich mit meinem Hund ging, unter Schneemassen begraben vor. Eine Freundin schrieb mir, sie würde Weihnachten dieses Jahr am liebsten absagen wie man ein Gartenfest absagt. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich das erste ehrliche Weihnachtsfest werden könnte. Ein Fest ohne Heiligenschein und Versprechen. Ich war erstaunt über die Klarheit und die Nähe von Zeit.

Für einen Augenblick
Eng zusammengepfercht
sitzen Ungereimtheiten
wie Raben auf den Ästen
fliegen nicht weg
als ich - wie lächerlich -
verzweifelt in die Hände klatsche
fallen Buchstaben aus der Krone
bricht das O in zwei Teile
und öffnet sich
für einen gedankenlosen Augenblick
fühle ich mich befreit
von Wissen in meinem Herzen
erscheint die Vergangenheit
im weichen Federkleid

* * * * *

Ich konfrontierte den Klinikinternisten mit Fragen und der unumstößlichen Absicht eine bestimmte Kombinationstherapie mit einem neuentwickelten Interferon und einem hochwertigen chemischen Viruskampfmittel zu machen. Meine erste Information über diese neuartigen hochwirksamen Medikamente bei Hepatitis C stammte aus einer Börsenzeitschrift. Meine Freundin hatte mir den Artikel geschickt, nachdem sie von meiner Krankheit erfahren hatte. In Prognosen für die Aktien dieser Medikamente war von einer blühenden Zukunft für Anleger geschrieben worden, dank der weltweit epidemischen Ausbreitung dieses Virus und der besseren Verträglichkeit und höheren Ansprechrate bei Patienten, denen sonst nicht zu helfen war. Aus dem Internet hatte ich mir weitere medizinische detaillierte Erläuterungen zu den Wirkstoffen und fundierte Aufklärung über die gesteigerten Heilungschancen dieser Therapie gezogen. Es musste ein teuflischer Cocktail sein. Der Arzt war einverstanden, gab jedoch zu, dass er diese Therapie in dieser Kombination erstmals durchführen würde. Das Interferon war aktuell noch nicht auf dem deutschen Markt zugelassen, aber erhältlich. Das war für mich in Ordnung. Ich hatte von den vielen Studien an Unikliniken in Deutschland und Österreich gehört, wo man nach stundenlangen Wartezeiten und unpersönlichen Umgangsformen und unter bestimmten Umständen als Proband für Placebo-Kombinationen herhalten musste. Und man bei unpassenden Zwischenergebnissen schlicht als Misserfolgskandidat eingestuft und mitten im Rennen ausgemustert werden konnte. Nein danke.

Viel sympathischer schien mir dieses Projekt, wo wir beide, Arzt und Patientin, Testpersonen sein würden. 48 Wochen lang würden wir es miteinander aushalten müssen. Ich mit den gefürchteten Nebenwirkungen der Therapie und er mit mir als selbständiger Privatpatientin mit medizinischem Halbwissen. Das konnte spannend werden.

* * * * *

Der Apotheker um die Ecke war ganz aufgeregt und konnte kaum seine Neugierde verhehlen, als ich ihm mein Rezept über die Theke reichte. Mit sicherem Blick erkannte er seine Chance. Ich würde jetzt monatlich Medikamente im Wert von fast 2000 EURO bei ihm abholen. Interesse, Aufmerksamkeit, Mitleid kamen auf mich zu. Ich war jetzt Wer. Jedenfalls hier in dieser Apotheke. Man kannte mich seit Jahren als Kundin harmloser Artikel wie Aspirin oder Hühneraugenpflaster. Ich war eine echte Überraschung . Ohne das Wort HCV zu laut auszusprechen, sprachen wir darüber. Vorsichtig tastend kamen einige Fragen : Wie angesteckt und seit wann, wie weit fortgeschritten und was sagt denn ihr Mann dazu ?

* * * * *

Die wöchentliche Spritztortur begann mittwochs. Der Start zu einer sich 48 Wochen lang regelmäßig am gleichen Tag etwa zur gleichen Stunde wiederholenden Prozedur, die mir ein neues Gefühl geben würde. Ich musste die Hose herunterlassen, während der Arzt neben mir saß und die Packungsbeilage las. Ich fühlte mich vor allen Dingen halb ausgezogen. Ob krank oder gesund.

Die richtige Menge Flüssigkeit aus dem einen Glasfläschchen musste mit der Kanüle A in das andere, in dem das teure Pulver sich befand, injiziert werden. Dann leicht schütteln das Ganze, und die nun wertvolle milchiggewordene Brühe aufsaugen. Mittels einer beiliegenden feineren Kanüle B diesen Cocktail dann subkutan, das heißt unter die Haut, spritzen.

Als Einstichstelle wählte ich den Oberschenkel statt des Bauches. Der Arzt stieß sachte zu und ich hielt still. Diese Prozedur würde ich bald alleine tun. Mittwoch für Mittwoch würde das Bein nicht zu mir gehören, nicht die Haut meine Haut sein, in dem Moment , in dem ich zustechen würde. Ganz kurz nur, Sekunden. Vorher Minuten lang ein Zögern, dabei eine Welle von Übelkeit mit schlechter Laune und Gereiztheit. Weil du dir selbst weh tun musst, damit alles wieder gut wird. Ich versuchte instinktiv meine Beklemmung zu verdrängen. Anfangs gelang es mir. Die handwerkliche Seite stand im Vordergrund. Das Mischen der beiden Ampullen schien mir das Schwierigste an der Sache. Die genauen Mikro-Abmessungen zu finden und das Wechseln der Kanüle waren neu für mich. Ich hatte keine Erfahrung im Umgang mit Spritzen. Darauf konzentrierte ich mich jetzt. Meine emotionale Abscheu vor dem wirklichen Akt des sich Verletzens verdrängte ich. Ich schob dieses Gefühl vom Bauch in den Kopf und verabreichte mir Woche für Woche pünktlich den Initiator für die bekannten Nebenwirkungen.

* * * * *

Der Beipackzettel lügt nicht und verheimlicht nichts.

Jedes Medikament tut sein Möglichstes, um meinen Körper und seine Pflichten zu irritieren. Und so führt eine Schwäche zur nächsten. Normalität wird zum Fremdwort. Fast zwölf Monate lang allwöchentlich zwei Tage leichte Grippeanfälle. Mit Kopfschmerz, Gliederschmerz und Fieber. Man gewöhnt sich nicht daran. Es schwächt jedes Mal wieder.

* * * * *

Mein Sohn wird von einem Tag auf den anderen um Jahre älter. In Wirklichkeit ist er fast Vierzehn. Er umkreist mich ruhig und aufmerksam wie ein Satellit die Erde. Liebevoll reicht er mir die Brechschüssel oder unaufgefordert feuchte Waschlappen, wenn ich auf dem Sofa in unserem Wohnraum liege und beseitigt wie selbstverständlich alle Spuren des Übels. In einem Blick erkenne ich ständige Alarmbereitschaft, obwohl er äußerlich gelassen erscheint. Er ist zärtlich und in jeder Umarmung löst sich seine Angst ein Stück auf. Die Rollen kehren sich um. Seine Fürsorge wirkt ernst, aber nie übertrieben. Wenn er jetzt über Nacht bei Freunden bleibt, kommt er Sonntagmorgens alleine mit dem Fahrrad nach Hause. Manchmal schlüpft er dann noch nach einer heißen Dusche und einem Sandwich zu mir ins Bett. Er genießt seine Unabhängigkeit und unsre Nähe.

Kindheit Im Hof hinter dem Haus
ein Wildwuchs an Steinen.
Das Felsenmeer einer Kindheit
bemoost bis zum Himmel.
Mehrmals ausgerutscht auf kleinen Füßen
beim Besteigen der großen Brocken.
In den Lücken
Halt gefunden.
Dort lange verblieben -
im Gespräch mit
glänzenden Spielzeugfiguren
in den schmalen Höhlen.
Feuchte und trockene Stellen
und für jeden Schritt eine Falle.
Unendlicher Reiz
die Lust nicht Fuß zu fassen

* * * * *

Eine Freundin ist in ihre neue Eigentumswohnung gezogen, die an einen großen parkähnlichen Friedhof grenzt. Sie ist lichtdurchflutet und hell eingerichtet. Große Tannen und Fichten und kleine zierliche Grabsteine bilden eine harmonische ruhige Kulisse vor dem Balkon. Mir kommt der Gedanke, dass dieser Park irgendwann einmal der richtige Platz sein wird, an dem ich begraben werden möchte. Ich stelle mir vor, wie sie im Sommer abends auf dem Balkon sitzt und wir noch ein kurzes munteres Gespräch vor dem Schlafengehen über die Mauer führen. Oder wie sie mit ihren Gästen dort sitzt, Wein trinkt und ich unsichtbar hinüberschaue. Kinder nehmen täglich als Abkürzung zur Schule den Weg an den Grabsteinen vorbei, obwohl das verboten ist. Ich wäre in guter Gesellschaft.

* * * * *

Sehstörungen, die nach halben Stunden wieder verschwinden, überraschen mich jetzt auch in meinem Berufsalltag . Ich entschuldige mich , wenn ich meinen Vortrag nicht beende, weil ich meine Aufzeichnungen nicht mehr lesen kann. Meine Kollegen wissen Bescheid. In meinem Gehirn sind Regale wie ausgeräumt. Ich vertausche Buchstaben und bilde manchmal Wörter, die niemand kennt. Meine Protokolle weisen plötzlich legasthenische Fehler und Verwechslungen auf. Ich kann mich nicht mehr auf meinen Wortschatz verlassen und bin bestürzt. Wörter spielten in meinem Leben immer eine Hauptrolle. Wie soll ich ohne sie zurechtkommen ?

wortwanderung
Einatmen ausatmen
vokale spucken weiter
gehen einen schritt
einatmen ausatmen
silben schlucken weiter
gehen einen schritt
einatmen ausatmen
wörter knicken weiter
gehen einen schritt
einatmen ausatmen
gedanken schicken weiter
gehen einen schritt
wo willst du wortwinzel hin
gehen schritt für schritt ?

* * * * *

Manchmal begegne ich misstrauischen Blicken. Dann habe ich bekannte Tatsachen verwechselt, oder Fragen gestellt, die längst beantwortet sind. Ich bin peinlich betroffen, zeige es aber nicht. Mitleid verbessert meine Situation nicht. Groteske Szenen mit meinem senil gewordenen Adoptivvater kommen mir in den Sinn. Als er seine eigenen Geschwister nicht mehr erkannte, aber gewandt höflich drum herum redete. Nachdem der Besuch gegangen war, fragte er mich regelmäßig : Und wer waren diese freundlichen Herrschaften ? Ich war die einzige, die er vor seinem Tod noch zur Familie zählte. Alle anderen waren liebenswerte Besucher, die er nie vorher in seinem Leben gesehen hatte. Von seiner ehemals überzeugenden Rhetorik waren ihm gerade noch die nötigen Worthülsen geblieben, um seine Würde zu schützen.

Vater. Neben sich.
Neben ihm
der weiße Strohhut.
Die Schnabeltasse.
"Es wird eine gute
Kartoffelernte".
Der Tannenbaum
geschmückt.
Das Christkind am Fenster.
An uns vorbei
jubelt der Chor
aus der Lautsprecherbox.
Boxen neben ihm sich
durch dick und dünn -
Erinnerungen,
die wärmen.
" Die Suppe wird kalt",
mahnt die Schwester.
Silbergraue Fäden
Lametta im Haar.

* * * * *

Im Fernsehen sehe ich eine Sendung über Hepatitis C Patienten. Betroffene, die teilweise verzerrt oder mit dem Rücken zur Kamera gezeigt werden wollen, beklagen sich bitter. Über mangelhafte ärztliche Betreuung, schlechte Aufklärung und Informationspolitik, verständnislose Kollegen und brutale Arbeitgeber. Manche haben durch die Krankheit ihren Job verloren, andere den Partner oder sogenannte Freunde und sich selbst. Durch meinen Kontakt mit den Patienten des Hepatitis-C-Forum im Internet kenne ich Auswüchse und Erfahrungen im Umfeld der Krankheit und Therapie. In der BILDZeitung steht irgendwann " Pamela Anderson muss sterben " . BILD berichtet in Schlagworten. Eine Mitarbeiterin nimmt die Zeitung zur Seite und spricht mich mit dezenter Neugier an : Haben Sie DAS nicht auch ? Es wundert und amüsiert mich gleichzeitig, dass über solche Umwege die Krankheit, und damit jeder der sie hat, ein klein wenig berühmt wird. Ich stelle mir Pamela Anderson vor, wie sie während der Therapie schlapp auf ihrem Treppenpodest sitzt und muss grinsen.

" So schnell stirbt man nicht ! ".

Ich habe gut reden.

* * * * *

Im dritten Monat der Therapie verliere ich die Hälfte meiner Haare. Sie liegen im weiß gefliesten Badezimmer als Teppich. Der Boden ist drei Tage übersät mit vierzig Zentimeter langen dunklen Haaren. Tagelang kann ich mir im Spiegel nicht mehr richtig in die Augen sehen, weil ich Angst vor der Trauer habe, die mich anspringen könnte. Vorübergehend trage ich als Haarersatz bunte Tücher. Ich flechte sie in den gleichmäßig übrig gebliebenen Rest wie in einen Pferdeschwanz. Es gibt mir eine kleine trügerische Sicherheit. Später finde ich Haarspangen, die dem hochgesteckten Haar neue Form geben und mir ein neues Gesicht. Alles Ablenkungsmanöver. Ich bin mir nahe, stehe neben mir und beobachte mich selbst. Meine Haare, meine Existenz, mein Selbstwertgefühl verlieren den Halt. Nichts ist mehr selbstverständlich. Die Unsicherheit kommt mir bekannt vor. Ich denke im Zeitraffer an meine früheste Kindheit. Als ich zum ersten Mal Leere kennen lernte. Das erste Jahr meines Lebens verbrachte ich alleine. In einem Waisenhaus. Wo mich neue Eltern abholten. Ich lernte mehrere Wahrheiten kennen. Sie begleiten mich. Träume und Alpträume sind lebendige Wechselbäder, die dazu dienen, die Wirklichkeit zu spüren. Vielleicht auch, um am Leben zu bleiben. Daran erinnert sich meine Seele wieder. Überleben ist nicht genug, aber auch nicht so einfach. Es scheint mich mein Leben lang zu begleiten. Ein Kampf lohnt sich. Bis jetzt immer. Vertrauen in die eigene Existenz zu haben ist momentan wieder ein spannendes Abenteuer.

 

Ich sehe sie durch die Gänge flitzen. Kleine wulstige verhärmte Gestalten auf flüssigen Bahnen. Meine Untermieter. Schon so viele Jahre tummeln sie sich in meinem Körper. Sie haben mich in guten und in schlechten Zeiten begleitet. Ein dubioses Gefühl beschleicht mich. Ich kann mich nicht entschließen sie zu hassen. Sie gehörten viele Jahre zu mir. Aber es waren heimtückische Gegner. Sie haben angefangen mich zu verändern, ohne dass ich es wusste. Vielleicht schwimmen auch jetzt noch welche vereinzelt in abgelegenen Bahnen ? Das Gift erreicht sie jedoch in mir. Mein Körper ist der Wirt für alle Kämpfe und Streiterein, die jetzt an jeder Ecke angezettelt werden. Es tut gut zu wissen, dass der Schaden einen Nutzen hat. Ich bin Zuschauer und Akteur zur gleichen Zeit.

* * * * *

Die Leukozyten fallen und bereits in den ersten Wochen sinkt auch der Hämoglobin-Wert unter normal. Die roten sauerstofftransportierenden Blutkörperchen werden von der Chemie aufgefressen. Die Treppen werden zu steil und es sind zu viele Stufen. Ich mache Pausen. Immer öfter. An manchen Tagen sitze ich auf jedem Podest unseres viergeschossigen Hauses. Damit ich mein Ziel erreiche. Das Gebäude wird zum Hochhaus. Niemand sieht mich. Ich habe Atemnot und der Arzt diagnostiziert überraschend Asthma. Auch die Schilddrüse spielt ihr Spiel mit mir. Von der Überfunktion zur Unterfunktion innerhalb weniger Wochen. Der Arzt lächelt ernst und verschreibt ein harmloses neues Medikament.

* * * * *

Ich wiege noch vierundvierzig Kilogramm, während ich von einer kreativen Idee aufgeregt in die nächste stürze. Tag und Nacht male und schreibe ich ohne Unterlass. Ich sehe Farben wie im Rausch. Mit Farbpaletten, Pinsel, Stiften, Kleister, Druckkasten erstelle ich Kunstwerke bei tosender Musik in der Wohnung. Die Medikamente sind offensichtlich Initialzündung für ein überraschend sinnliches Aktionspotential und euphorische Zustände. Meine Gedanken und Gefühle sind dann kaum zu bändigen. Dennoch gelingt es mir immer wieder sie in Form zu bringen. Es kostet mich Mühe, aber ich habe Geduld. Während dieser Therapie lernt man Geduld zu haben. Weil man keine andere Wahl hat. Es scheint mir übrigens, mit jeder Sehstörung sehe ich hinterher klarer. Ich werde mir der verbliebenen Möglichkeiten meines Körpers immer intensiver bewusst. Dinge, die ich sehe, rieche, höre und fühle erhalten auf Schritt und Tritt einen tieferen Sinn. Es entwickeln sich unbekannte taktile Sensoren, so dass ich oft Gänsehaut beim Berühren von weichen Gegenständen bekomme. Ich habe Angst, dass ich diese Fähigkeiten wieder verliere.

Ich schreibe Gedichte und nehme an zwei großen Wettbewerben in München und Frankfurt teil. Daraus resultieren meine beiden ersten Veröffentlichungen in Lyrikanthologien.

Es entsteht ein reger Briefkontakt zu meinen besten Freundinnen und Freunden. Ich freue mich über die unbewusst fordernde Zuneigung und die Offenheit, mit der sie mir begegnen. Sie holen mich oft zur richtigen Zeit aus meiner Lethargie gegenüber der Welt. Wichtige Beziehungen wachsen in dieser Zeit weiter. Während andere verloren gehen. Manche Menschen haben überraschend große Angst vor der Unberechenbarkeit, die mit Krankheit verbunden ist. Das zeigt sich auch in meinem persönlichen Umfeld. Wenn möglich, halte ich Abstand, um andere und mich nicht in Bedrängnis zu bringen.

* * * * *

Besuche von Freunden werden seltener, Gegenbesuche von meiner Seite fallen ganz ins Wasser. Ich bin dankbar für die ehrlichen Anrufe, verschließe mich aber immer nachdrücklicher federleichten hilflosen Kommunikationsversuchen. Für Konversation stehe ich nicht mehr zur Verfügung. Ich will und kann ihr nicht folgen. Schon der Ton des Telefons erregt mich. Ich bin in diesem Jahr selten spontan erreichbar. Jeder Anfang eines Gespräches kostet Überwindung. Als sitze ich in einer tiefen Grube und müsse, wie der Wetterfrosch, auf einer langen Leiter beschwerlich ins Freie hochsteigen. Die Kraft reicht gerade um drei bis vier Tage pro Woche ins Büro zu kommen und von dort wieder zurück. Die Stunden dazwischen wiegen zentnerschwer. Ich komme abends oft nur mit letzten energisch mobilisierten Reserven an die S-Bahnstation. Auf der Fahrt, abends, wenn von den Gesichtern alles abblättert, was morgens noch taufrisch Halt gefunden hat, fühle ich mich unter Gleichen. Es riecht im Bus nach Anstrengung und Müdigkeit. Menschen nicken ein, treten sich auf die Füße, starren wie blöde aus dem Fenster oder dösen vor sich her. Ich wundere mich auf solchen Fahrten, wie sehr menschliche Gesichtszüge entgleisen können. Einen Spiegel habe ich nicht zur Hand. Es gibt Tage, an denen sich mein Blick wie ein Pickel starr in den Polstern der Sitze einsticht, damit ich Halt finde und nicht abstürze. Es ist mir in diesen Momenten gleichgültig , was andere von mir denken.

Ich will nur noch aufrecht stehend am Ziel ankommen.

 

Vom Zug aus melde ich mich immer öfter mit einem SOS Anruf per Handy zu Hause. Mein Mann ist bereits alarmiert , wenn er meine Stimme hört. Er hat es schwerer als ich und kommt mir auf leisen Zuruf entgegen. Er ist der wachsamste Beschützer, den ich mir vorstellen kann. Ich kann mich einfach fallen lassen. Erstmals in meinem Leben tue ich das auch. Er fängt mich auf, wenn mir die Luft ausgeht. Wir verbringen viel Zeit miteinander, und er wird nicht müde zu fragen, wie es mir geht. Er kennt alle Stadien der Schwäche und fürchtet sich nicht davor. Mein Vertrauen in ihn ist grenzenlos.

Babylon

Du hast einen wundersamen Vogel
nicht gefangen sondern er ist dir zugeflogen
Zu deinen augen ließen die wachen ihn vor
jedoch ohne gewähr auf begegnung
Hat aus deinen augen szenen gelesen
die du nicht gelebt haben wolltest
Wenn es dunkel wurde flogen die träume
weg in sein oder nicht sein nest
Wärmer wurde es im winter
wenn ihr zusammenrücktet und seine
geschichten das gefieder auftauten
Es waren temperaturen die du nicht kanntest
aus euren breitengraden
Babylonische schnabelverrenkungen doch
kein gesang aber töne kamen zustande
und über euch kreiste ein bussard

* * * * *

Kurz vorher war ich noch auf dem Bahnhof in Bordeaux gewesen. Im Urlaub an der Atlantikküste. Es war Vormittag, aber bereits sehr heiß und schwül. Wir hatten zu dritt einen Freund zum Zug nach Paris gebracht. In der Wartehalle war ich plötzlich ohnmächtig geworden. Jetzt lag ich in einem nach Betäubungsmittel stinkenden alten Krankenwagen, der rasant mit Sirenengeheul den Boulevard entlang fuhr. Durch einen schmalen Streifen am Fenster sah ich die Dächer der schönen Gründerzeitbauten am Hafen vorbeifliegen. Zwei Sanitäter oder Ärzte saßen neben mir und unterhielten sich gelangweilt in Französisch. Sie schalteten die Sirene ab.

Wir waren angekommen. Die beiden Männer fragten nach Name und Heimatadresse. Frankfurt am Main. Der Jüngere lachte herzlich : Aah, Frankfurter Würstchen , je connais ! Der Ältere verstand kein Wort. Sie trugen mich an der Pforte vorbei in das verwinkelte Haus. Die Klinik war ein weit verzweigter uralter Gebäudetrakt aus Sandstein, in dem die warme Luft stand.

Nach drei Stunden war ich wieder draußen. Zu mir gekommen und unbehandelt von der Trage aufgestanden, die man auf einem breiten Gang vor einem Operationssaal abgestellt hatte. Hinter mir auf dem Bett ein Frischoperierter mit vielen Flaschen über Schläuche verkabelt. Er stöhnte laut und schrie nach der Schwester, die nicht kam. Ich konnte ihm nicht helfen. Mein Zustand hatte sich im Liegen stabilisiert und das Warten war unerträglich geworden. Draußen wartete mein Sohn seit Stunden mit dem Hund an der Leine. Die Dame an der Pforte wunderte sich nur kurz und fragte nicht, als ich an der Hand meines Mannes an ihr vorbei die Klinik verließ. Es war Sommer und Sonntag und keiner hatte Lust auf Stress.

Wir verließen die Stadt so schnell es ging.

* * * * *

Eine Freundin hat mir eine Bitte mit in den Urlaub gegeben. Sie bereitet gerade die Präsentation ihrer Bilder in einer Galerie vor. Jahrelang hat sie weltweit das Meer auf ihren Reisen skizziert und gemalt. Sie würde gerne Texte oder Gedichte von mir in den Ausstellungskatalog aufnehmen. Obwohl sie meine derzeitigen Schwächen gut kennt, hat sie großes Vertrauen in meine Worte. Ich fühle mich sehr geehrt und durch ihren Auftrag angespornt.

Ich beobachte den Atlantik. Zu Tages- und Nachtzeiten.Er ist so stark. Die gekräuselten Schaumkronen kitzeln ihn, wenn sie auf ihm tanzen.

Manchmal sehe ich, wie er lacht.

* * * * *

Auf den Sommer ist hier an der französischen Atlantikküste kein Verlass. Am Nationalfeiertag sitzen wir in Regenmänteln und Norwegerpullis mit Wollsocken am Meer. Hinter Glas, wie aus einem Aquarium heraus, sehen wir vom obersten Punkt der Dünen aus, wie der Regen das Meer anpinkelt. Einzelne Sturmböen kämpfen gegen die Wellen . An den Ecken der Holzbude, in der wir mit einigen Franzosen vor unseren heißen Getränke sitzen, nagt der Wind. Mitten im Sommer keine Aussicht auf Wetterbesserung. Wir sind enttäuscht, aber hier drinnen geborgen.

Während des langen Nachmittages denke ich mir Geschichten aus.

Sonntag am Meer

 

Ein Tag, an dem die Familie den blühenden Obstgarten gegen das unruhige Meer eintauschte.
Die weiße Picknickdecke wölbte sich im Sand.
Die gebratenen Tauben und Hühnerkeulen mit weißen Manschetten um die teilweise stoppeligen Beine lagen um die Weinflasche, die Weißbrotstangen, die Käseteller und Obstkörbe herum.
Früher waren dieselben Beine um die Traubenstöcke, Kirschbäume, Apfelbäume und Ziegen-ställe stolziert.
Alles alte Bekannte, wie Großvater gerne sagte, wenn die Verwandtschaft aus der Stadt zum Festmahl geladen war. Das kostete ihn viele Sympathien.
Großvater war vor zwei Jahren gestorben.
Heute hatte Valerie jedoch dafür gesorgt, dass Großväterchen auf der Trage mit an den Strand kommen konnte. Die unsichtbaren Träger lehnten ihn auf Valeries Anweisung hin an die hohe Düne, damit er bequem das Meer beobachten konnte.
Den Lärm ertrug er allerdings nur schlecht. Das Rauschen machte ihn übellaunig, das wusste Valerie. Man würde abwarten müssen.
Heute war das Meer besonders aufgewühlt, obwohl es windstill war.
Die wandernden Wellen und die schaumigen Kronen boten ein aufregendes Bild.
Valerie tobte lachend in ihrem blendend weißen Kleid am Strand umher.
Sie war spindeldürr, sommersprossig an den Armen und im Gesicht mit lebendigen großen haselnussfarbenen Augen eine reizvolle Erscheinung. Ihre gepunkteten Arme wirbelten im Wind. Sie schrie zum Meer hin einen Singsang aus alten französischen Weisen und Wiegenliedern, während sie Luftsprünge machte. Ihr Kleid klappte an ihrer schmalen Taille rundherum um, als sie zu einem Handstand im Sand anhob. Die knochigen Tentakel standen in die Luft. Im Lärm des rauschenden Meeres ging der bizarre Anblick unter.
Der Großvater schmunzelte unter Rückendeckung der hohen Sanddüne.
Valerie sprang hierhin und dorthin, sammelte Dinge auf, die sie wieder wegwarf, wenn andere in ihren Blick kamen. Die große Krabbe, die sie fand, erinnerte sie an Großvater.
Sie schaute zur Picknickgesellschaft hin und winkte Großvater zu.
Tante Liz winkte mit blödem Grinsen zurück.
Die rundgebogenen Scheren endeten in hornigen Spitzen. So sahen Großvaters Hände aus, wenn er sich am Bett seitlich festhielt, weil er nach Luft rang.
Seine langen gelblichen Fingernägel als Fortsetzung der schmalen weißen Finger ähnelten diesem tierischen Werkzeug.
Während die kräuselnden Schaumkronen immer lauter zischten und die langgestreckten Wellen Valeries Beine schon manchmal bis zu den Knien umspülten, wurde sie immer ausgelassener. Sie winkte dem Großvater noch einmal zu, während sie mit der anderen Hand ihr Kleid hoch-hielt. Es war bereits durchfeuchtet von salzigem Wasser. Mit schmalen Knöcheln stocherte sie im Priel umher.
Als die Woge trotz der Windstille sich von anderen kleineren Wellen loslöste und laut donnernd von weit draußen auf ihr Ziel zu rollte, platzte Großvater das Trommelfell.
Erst Stunden später löste sich die Picknickgesellschaft im Lärm der Brandung verwirrt auf.
Die Trage trieb verlassen in den Abendstunden auf den leise spielenden Wellen am Strand, bis nachts das große Gewitter kam, und der Sturm für klare Verhältnisse sorgte.

* * * * *

dünung
(seegang nach sturm trotz windstille)
auf grund gegangene
schuppige hoffnung reitet auf dem panzer der wasserschildkröte
unter der oberfläche entlang wo es tönt als schrie ein delphin
um sein leben oder winde sich im hochzeitstanz in die flut
es geht ein leichtes
fasriges lächeln in
linien geschützt
über mein gesicht
klänge in einer nie
gekannten stille
wie honigmelone
so zart und fruchtig
tauchen ein
und verlocken
zu einem neuen
ritt in die tiefe

* * * * *

Mit unserem Hund an der Leine mache ich regelmäßig Spaziergängen durch den Park. Die Holzstöcke, die ich für ihn über die Wiese werfe, werden im Laufe der Wochen bleischwer. Sie fliegen nicht mehr sehr weit. Obwohl ich mir viel Mühe gebe. Der Hund begleitet mich treu wie die gelbschwarz gestreifte Ente den Tiger auf dem Weg nach PANAMA. Manchmal schleift er mich an der Leine durch die Büsche und führt mich auf den Spuren läufiger Hündinnen durchs Dickicht. Er kennt kein Pardon, und ich liebe ihn dafür. Der Weg ist das Ziel , sagen die Buddhisten.

* * * * *

Der Park, in dem Goethe früher lustwandelte, ist voll mit Joggern. Besonders sonntags. Sie unterhalten sich schweißgebadet und keuchend beim Laufen. Mir bleibt die Luft weg beim Zusehen. Ich sitze immer öfter auf Parkbänken. Manchmal sehe nur die Hälfte der Bäume. Im Sommer, im Herbst und im Winter dieses Jahres. Der Augenarzt nennt es vorübergehende Gesichtsfeldeinengung. Es ist nichts Organisches und verschwindet wieder, sagt er.

Zu diesem Thema schreibe ich kein Gedicht.

* * * * *

Meinen Job habe ich gewechselt . Nicht wie ein Hemd, eher wie eine Ritterrüstung. Ich bin von einem rein bürokratischen Alltag als beratende Architektin auf einen etwas kreativeren Kontrollposten gewechselt. Nicht wegen der Krankheit, aber durch sie. Jetzt beurteile ich in derselben Behörde, wie und wann und wo Werbeanlagen aller Größen in der kleinen Metropole ins Stadtbild passen. Die Verhüllung ganzer Gebäude zu Werbezwecken ist gerade "in". Und Wahrzeichen dieser Stadt sollen illuminiert werden. Türme werden ins rechte Licht gerückt, um Präsenz zu markieren. Höher und heller im Wettlauf mit der Konkurrenz. Erleuchtung ex machina auf dem Weg zum Himmel. Im Übrigen höre ich geduldig den Wunschvorstellungen nach größeren und bunt blinkenden Projektionsflächen zu. Kreativität und Ideenreichtum kennen keine Grenzen, wenn es um den Schein geht. Meine große Erfahrung in Sachen Baurecht rettet mich über die Zeiten, in denen es mir schwindelt. Nicht selten setze ich aus rechtlichen Gründen einen kategorischen Schlussstrich unter hochtrabende Pläne, die wie Kartenhäuser vor meinen Augen in sich zusammen fallen. Ich nehme die Betroffenen an der Hand und führe sie durch den Dschungel der Paragraphen und Vorschriften. Manchmal entstehen spontan interessante kreative Alternativen, die sich verwirklichen lassen. Unauffällig auffallen kann erstaunlich originell sein.

Die Anarchie eines kranken Körpers verlangt nach disziplinierter Selbstverantwortung und sehnt sich nach der Rückkehr zur Gesetzmäßigkeit. Ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung entsteht. Damit habe ich beruflich tagtäglich zu tun. Mit "Sicherheit und Ordnung" argumentiere ich, wenn sogenannte unbestimmte Rechtsbegriffe zu erläutern sind. Warum ist etwas hässlich oder verunstaltend ? Welche Regeln ordnen diese Begriffe ? Gesetze des Baurechtes bieten mir manchmal vorübergehend Halt, erklären aber nicht lückenlos.

Eine gewisse Unsicherheit wird immer bleiben. Phantasie muss diese Lücken füllen.

* * * * *

In den Mittagspausen schaffe ich nur noch selten den Weg in mein Lieblingscafe. Dort sitzt man in den Sommermonaten im Zentrum der Stadt im grünen Innenhof. Zwischen dichtem Blattwerk der perspektivische Blick auf hohe quadratische Hausfassaden und dahinter auf die türkis schimmernde Kuppel der Paulskirche. Darüber das goldene Kreuz. Alles echt. Ich befinde mich hier mitten im Leben. Schwule Pärchen turteln neben mir. Auch Heteropaare verirren sich hierher und Einzelgänger wie ich. Klassische Musik kommt aus dem Off. Manchmal überirdisch laut und dröhnend. Je nach Laune des Kellners auch wieder zarte Töne. An solchen Tagen gibt es sogar Kandiszucker und Kekse gratis zum Tee und der smarte Kellner kommt fast geflogen.Es ist ein Ort für Gefühle. Ich bin gerne hier.

liebesdicht
ferngesteuert worte
mit verschränktem blick
über den tisch geschickt
unverhüllt spuren
in den blauen augen
lippenstift verrutscht
drauf sätze ausgeglitten
fischbesteck zum
sauerbraten
kleeblatt in der
handtasche :
liebt mich oder nicht...

* * * * *

In der Klinik unterhalte ich mich in kurzen regelmäßigen Abständen mit dem Arzt. Über die wichtigsten aktuellen Blutwerte und die Kunst an seiner Wand, die von Niki de Saint Phalle stammt. Sein Lächeln kann ich nicht immer richtig deuten. Ich erzähle ihm nicht die ganze Wahrheit. Manchmal fühle ich mich übler, als er wissen will. Das Labor schickt grandiose Erfolgsergebnisse, die einen Sieg über die Viren ankündigen. Es zählen am Ende nur die Werte. Da sind wir uns einig. Für mich sind diese Kontrollgänge zur Gewohnheit geworden. Bei längerer Abwesenheit schreibe ich sogar ausgesucht schöne Postkarten an die Praxis.

* * * * *

Der Körper spricht seine eigene Sprache. Nachts wache ich manchmal von Muskelkrämpfen in Armen und Beinen auf. Bei Tag springt das Herz regelmäßig aus dem Rhythmus oder sprengt mir fast die Rippen. Es will ausbrechen. Die Psyche ist auf Talfahrt. Von einer großen perlmutfarbenen karibischen Muschel am Ohr lasse ich mich berauschen. Ich reise ab und lasse meinen Körper zurück. Salzwasser tropft mir aus der Nase. Das Meerwasserspray aus der Apotheke hat schon oft geholfen.

* * * * *

 

Der innere Widerstand gegen die Spritze wird in den letzten Wochen immer größer. Ich nehme stundenlang Anlauf. Die Zeit vorher versüße ich mir mit Schokolade und Kuchen. Wie ein Kammerjäger, verführe und locke ich mich aus dem Versteck. Und steche dann wöchentlich auf den Tag genau pünktlich zu. Mir wird dabei kurz übel. Stunden später setzt das Frösteln oder der Schüttelfrost ein. Kopfschmerz kriecht an der Wirbelsäule zum Nacken hoch und macht sich hinter den Ohren breit. Ich liege im Sommer unter einer warmen Decke und habe eiskalte Hände und Füße. Die Ohren glühen rot wie Radieschen. Mein Verstand zeichnet nur noch eine Nullkurve als Linie auf. Ich gehe auf ihr spazieren, bis ich einschlafe.

* * * * *

Buddhistische Ruhe ist eingekehrt. Es zählt nur die Stunde, der Tag. Nicht der Monat, das Jahr. Zukunftspläne liegen auf Eis. Ich erhole mich von anstrengenden Reflexionen der letzten Jahre. Wenn und Aber sind vorübergehend entfallen. Wenn es mir gut geht, geht es mir gut. Sonst nichts. Es geht mir gut. Wenn ich nicht krank geworden wäre, hätte ich vielleicht vergessen mich um mein leibliches Wohl zu sorgen und der Seele Nahrung zu geben ?

Ich hole die letzte Monatsration beim Apotheker ab. Ich bin bereits abgeschrieben. Er erwähnt befriedigt einen neuen Kunden, der mein Nachfolger bei ihm wird. Wir reden noch über das Wetter und dann verabschiede ich mich schleunigst.

* * * * *

Die Pistole wurde geladen. Wir freuten uns wie die Kinder.

Zu zweit standen wir auf dem Dachbalkon. Mein Sohn und ich. Sprachlos nebeneinander im Dunkeln. 48 Wochen waren vorbei. Die letzte Spritze war gesetzt. Zur Belohnung hatte ich mir nur die Hälfte der Dosis verabreicht.

Er schoss drei Leuchtkugeln, die von irgendeinem Silvesterfest übrig geblieben waren, an diesem Novemberabend in den Himmel. Sie kamen in prächtig schillernden Farben langsam zur Erde zurück. Wir strahlten schweigend um die Wette.

Es war 20.15 und die Tagesschau war vorüber. In der Glotze lief ein bedeutsames Fußballländerspiel. Mein Mann wartete noch gespannt auf den entscheidenden Schuss. Obwohl es dort unten noch keinen Sieger gab, feierten wir hier oben schon. Der dicke Taxifahrer aus dem Nachbarhaus stand in der Trainingshose mit Hosenträgern als einziger auf der Straße und sah vier Stockwerke zu uns hoch. Wir mussten endgültig verrückt geworden sein.

* * * * *

Zehn Tage nach der letzten Spritze erhalte ich den Bescheid aus dem medizinischen Labor. HCV-negativ. Der mit Spannung erwartete wichtigste Test am Ende der Zeit weist keine Viren mehr im Blut nach. Ich kann es kaum fassen, obwohl ich es die ganze Zeit über gefühlt hatte. Ich starre auf das Blatt Papier, auf dem es geschrieben steht.

Ich sehe das, was du auch siehst. Wie lange habe ich mir das gewünscht ?

Der Arzt war in Urlaub gefahren. Vierzehn lange Tage. Auf seine Rückkehr konnte ich nicht mehr warten. Ich konnte plötzlich überhaupt nicht mehr warten. Kein Wochenende, keinen Tag, keine Stunde. 48 Wochen hatte ich Geduld gehabt. Die Zeit war um. Jetzt konnte ich vor Aufregung kaum mehr den Telefonhörer in der Hand halten. Ich wählte die Nummer des Labors. Es war Freitagmittag. Kurz vor Schluss. Überall um mich herum Wochenendstimmung. Meine Chancen eine Auskunft zu erhalten waren denkbar gering. Im Labor waren sie nicht ermächtigt telefonische Beratung zu betreiben. Ich musste es trotzdem versuchen. Eine sachliche aber freundliche Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Sie wirkte jung, aber nicht unerfahren. Nach wenigen Worten begriff sie den Ernst der Lage und wusste sofort Bescheid. Es war wie ein Wunder.

Und jetzt stehe ich neben dem Faxgerät und kann mich von dem Anblick nicht lösen.

Ein sehnsüchtig erwartetes Blatt Papier in meinen Händen. Der kürzeste Liebesbrief, den ich je erhalten habe. Ohne Unterschrift, aber eindeutig an mich adressiert. Zwischen Freudentränen sehe ich die Wörter und Zahlen am Ende doppelt und dreifach aus der Reihe tanzen.

* * * * *

Die anschließenden Blutuntersuchungen ergeben normale Leberfunktionswerte. Alles deutet auf verlässliche Arbeit der Leber hin. Das Wort "normal" spielt dabei die Hauptrolle. Es ist das Zauberwort des Arztes .

 

Mit jedem weiteren Tag habe ich wieder mehr Ausdauer und Energie. Dadurch werde ich wieder selbständig und selbstbewusst. Ich verliere die Angst vor Entfernungen.

Das beweise ich mir, indem ich spontan an meinem Geburtstag im Frühjahr alleine nach Lanzarote fliege .

Ich fahre über die Insel, verpasse Abzweigungen und finde stille Plätze zufällig. Gespannt genieße ich die schwarze Lavalandschaft der Insel. Cesar Manriques weitläufige Kakteengärten und seine Bauten, die sich durch Rundungen auszeichnen. Neugierig schaue ich mir die eingerichteten riesigen Luftblasen unter der Erde an. Farbspiele auf Material, edle Kontraste zwischen drinnen und draußen. Weiße Wände, unbehauener Stein, Holz, Glasflächen, klares Wasser und saftige Kakteen in schwarzer Erde unter fliehenden Wolken. Von morgens bis abends fühle ich mich losgelöst von allen Zwängen. Nachmittags und abends sitze ich stundenlang in einem Korbsessel auf dem schattigen Balkon und lese.

Ich rufe täglich abends mit Heimweh zu Hause an. Wie die flügge gewordene Tochter. Gleichzeitig ist es ein erhabenes Gefühl. Ganz weit weg zu sein. Losgelöst von achtundvierzig Wochen Abhängigkeit.

Morgens habe ich Palmen im ersten Blick und weiche Schattenspiele an der Wand visàvis. Rauschender Blätterwald vor meinem Zimmer. Ein Papagei ruft im Stakkato . Gedankensplitter im Bett. Erinnerungen an den Roman " Die bewohnte Frau " von Giaconda Belli, an belebte Pflanzen, beseelte Bäume und Büsche.

Überall in dem weiträumigen hellen Zimmer habe ich aufgeschlagene Bücher verteilt. Um mich herum auf Kommode, Kopfkissen, Regalen Geschichten, die mich hierher begleitet haben.

Paul Watzlawicks Tausendfüssler, der mitten im Laufen das Laufen verlernt, liegt auch dabei.

Selbstverständnis muss sich wieder einstellen.

Wo bin ich jetzt ?

Seele sucht sich. Musst Geduld haben, Seele. Ich bin nicht mehr da, wo ich einmal war.

Bin weitergegangen. Mit Ängsten weitergezogen. Habe dennoch Sicherheit gewonnen.

Kein Phantomschmerz : Seele tut weh. Intuition ist gewachsen und Kontrolle wird vernachlässigt. Stille, wo vorher Lärm war. Abgenabelt auf der Insel. Langsam komme ich zu mir.

* * * * *

Bei der Landung glühe ich vor Freude. Es ist Nacht als das Flugzeug ankommt. In mir ist es taghell . Wenn ich die Augen schließe, sehe ich leuchtende Farben. Mein Körper scheint mir sicher. Ich verlasse mich wieder auf ihn. Die Seele ruht sich darin aus, streckt und räkelt sich wie in einer Hängematte. Braungebrannt unter weißem Leinen.

 

* * * * *

Nachwort

 

Der Herbst ist meine Lieblingsjahreszeit geworden.

Die Zeit, in der ich von der Erkrankung und den möglichen Folgen

erfahren habe, ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich erlebe die Veränderungen in der Natur vor dem bevorstehenden Winter gerne. Es geschieht nun im dritten Jahr sehr intensiv wie in Zeitlupe.

Ich kann nicht sicher sein, dass das Virus eliminiert wurde. Es wird sich weisen.

Der Mythos der Planbarkeit und der Berechenbarkeit wird durch jähe Ereignisse zerstört, sagte Elfriede Jelinek einmal in einem Interview.

Ich glaube, dass solche Botschaften und Begebenheiten, die die Endlichkeit der Zeit vor Augen führen, ganz besonders dazu dienen, das Leben unter die Lupe zu nehmen und neu zu begreifen.

 

 

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